Wie ein Kaffeehändler Bremen sein teuerstes Gesamtkunstwerk baute
Wer die Straße entlangschlendert, sieht expressionistische Backsteinfassaden, kunstvolle Reliefs und schmale Durchgänge, die sich zu kleinen Höfen öffnen. Am bekanntesten ist das Haus des Glockenspiels: Dreißig Meißner Porzellanglocken erklingen hier mehrmals täglich zu wechselnden Melodien, während sich eine Fassadentafel dreht und Szenen aus der Geschichte der Seefahrt zeigt. Gleich daneben erinnert der Sieben-Faulen-Brunnen des Bildhauers Bernhard Hoetger an eine alte Bremer Sage von sieben angeblich faulen Bauernsöhnen, die tatsächlich in der Fremde zu Ruhm kamen. Museal wird es im Ludwig Roselius Museum und im Paula-Modersohn-Becker-Haus, dem weltweit ersten Museumsbau für eine einzelne Künstlerin. 2026 wird dort mit einer großen Sonderausstellung der 150. Geburtstag der Malerin gefeiert. Ein Spaziergang lohnt sich zu jeder Jahreszeit und dauert kaum zwanzig Minuten.
Ganz unumstritten war die Böttcherstraße nie. In den 1930er-Jahren galt der expressionistische Baustil bei den Nationalsozialisten als entartet, die Straße stand zeitweise kurz vor dem Abriss. Roselius verteidigte sein Werk mit einer eigens verfassten Schrift, die die Formensprache als nordisch-germanisch deutete, und rettete die Gasse damit vor dem Bulldozer. Heute reihen sich hier Werkstätten für Keramik, Schmuck und Glaskunst neben kleinen Cafés und Galerien, in denen Handwerk noch von Hand entsteht. Wer durch die engen Höfe geht, findet immer wieder Details, die beim ersten Durchlauf übersehen werden: Reliefs, Wasserspiele, versteckte Treppenaufgänge und Inschriften, die sich erst auf den zweiten Blick erschließen. Manche Bremer laufen seit Jahrzehnten hindurch und entdecken noch immer etwas Neues.
Die Böttcherstraße liegt nur wenige Schritte vom Bremer Marktplatz und dem Rathaus entfernt, das seit 2004 zusammen mit dem Roland-Standbild zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt. Die Gasse selbst ist frei zugänglich, ein Eintritt wird nur für die Museen fällig. Für Familien gibt es eine Schnitzeljagd durch die Straße, bei der Kinder Hinweisen zur Geschichte der Häuser folgen. Das Glockenspiel erklingt je nach Jahreszeit zwischen Mai und Dezember mehrmals täglich, im Winter ergänzt um weihnachtliche Melodien. Wer Zeit mitbringt, kombiniert den Rundgang am besten mit einem Kaffee im Roselius-Haus, wo die Geschichte des koffeinfreien Kaffees noch immer nachwirkt und Röstaromen durch die Gänge ziehen. Auch am späten Abend, wenn die Fassaden beleuchtet sind, lohnt sich ein zweiter Rundgang.
Nur einen kurzen Fußweg entfernt schließt sich das Schnoorviertel an, das älteste Viertel Bremens mit verwinkelten Gassen aus dem Mittelalter. Wer beide Ecken an einem Nachmittag verbindet, bekommt einen guten Eindruck davon, wie unterschiedlich historische Bausubstanz in derselben Stadt erhalten und interpretiert werden kann: hier das kunstvolle Gesamtkunstwerk eines einzelnen Kaufmanns, dort gewachsene Fischer- und Handwerkerhäuser aus sieben Jahrhunderten. Beide Viertel liegen fußläufig zueinander, auch wenn der Schnoor mit seinen krummen Gässchen ein ganz anderes Tempo vorgibt als die klare Linie der Böttcherstraße. Mehr zum Schnoor, seiner Geschichte als Fischer- und Handwerkerviertel und seinen heutigen Bewohnern gibt es im separaten Bericht auf sist24-media.eu. Wer beide Viertel an einem Tag schafft, hat Bremens Altstadt fast komplett gesehen.


