Die Hütte lebt: Duisburgs totes Stahlwerk als lebendigster Ort im Pott
Von 1902 bis 1985 kochte das Hüttenwerk Meiderich Roheisen für den Thyssen-Konzern. Nach der Stilllegung stand der Abriss schon fest auf der Agenda, eine Bürgerinitiative verhinderte ihn. Im Rahmen der Internationalen Bauausstellung Emscher Park entwarf der Landschaftsarchitekt Peter Latz in den 1990er Jahren ein Konzept, das damals als gewagt galt: nichts abreißen, nichts verstecken, die Industrieruine als Landschaft begreifen. Heraus kam der Landschaftspark Duisburg-Nord, rund 180 Hektar groß, rund um die Uhr geöffnet und ohne Eintritt zugänglich. Birken wachsen aus Bunkerwänden, Gärten füllen ehemalige Erzlager, und der Rost bleibt, wo er ist.
Das beliebteste Ziel ist Hochofen 5. Über Treppen und Bühnen steigen Besucher bis auf die Aussichtsplattform in rund 70 Metern Höhe, vorbei an Windleitungen, Gichtgasrohren und Abstichbühnen, die aussehen, als hätte die Frühschicht nur kurz Pause gemacht. Oben reicht der Blick über das gesamte Revier, bei klarer Sicht bis zum Rheinturm in Düsseldorf. Der Aufstieg kostet nichts außer Kondition und ist bei Regen eine rutschige Angelegenheit, festes Schuhwerk lohnt sich. Wer die Anlage lieber erklärt bekommt, schließt sich einer der Führungen an, die auch in die sonst gesperrte Gießhalle führen. Nach Einbruch der Dunkelheit übernimmt an den Wochenenden die Lichtinstallation des britischen Designers Jonathan Park das Kommando und taucht Hochöfen, Kamine und Rohrleitungen in wechselnde Farben. Fotografen bringen dafür gern Stativ und Geduld mit.
Die Umnutzung geht weiter, als es der erste Blick vermuten lässt. In den ehemaligen Erzlagerbunkern betreibt der Deutsche Alpenverein einen der größten Outdoor-Klettergärten Deutschlands, die Betonwände von damals sind heute Routen aller Schwierigkeitsgrade. Ein Hochseilparcours zieht sich durch die alte Gießhalle, Radwege kreuzen das Gelände und verbinden es mit der Route der Industriekultur. Die Kraftzentrale, in der einst Großgasmaschinen mit gereinigtem Gichtgas liefen, dient inzwischen als Halle für Konzerte, Messen und Theaterproduktionen. Dazwischen liegen Gärten, Wasserflächen und Wiesen, auf denen sonntags mehr Picknickdecken als Absperrband zu sehen sind. Wer alte Industrie nur als Kulisse hinter Bauzäunen kennt, wird hier umlernen. Der Park lebt davon, dass man ihn anfassen, besteigen und benutzen darf, und genau deshalb funktioniert er seit drei Jahrzehnten.
Die kurioseste Nachnutzung steckt im ehemaligen Gasometer. Der Nassgasspeicher von 1920 puffert heute kein Gichtgas mehr, sondern 21 Millionen Liter Wasser. Mit 45 Metern Durchmesser und 13 Metern Tiefe ist er das größte Indoor-Tauchgewässer Europas. Unter der Oberfläche warten ein künstliches Riff, das Wrack einer Motoryacht, ein Flugzeugrumpf und zwei Autos, dazu Sichtweiten von bis zu 25 Metern. Samstags und sonntags läuft der öffentliche Tauchbetrieb für alle, die mindestens einen Open-Water-Schein mitbringen, Schnuppertauchen gibt es für Neugierige ohne Brevet. Auch Feuerwehr und Polizei trainieren hier ihre Unterwassereinsätze. Wer in einem Gasspeicher zwischen Wracks schwebt, während draußen Familien am Hochofen picknicken, versteht, warum dieser Park mit keinem anderen zu vergleichen ist.
Bei aller Freizeitidylle bleibt der Park ein Denkmal des fossilen Zeitalters, also genau jener Ära aus Kohle und Koks, die uns die heutige Klimalage eingebrockt hat. Und sie hinterlässt noch eine zweite Rechnung: Der Bergbau hat das Revier stellenweise um bis zu 25 Meter abgesenkt. Ohne dauerhaftes Pumpen stünde fast ein Fünftel des Ruhrgebiets unter Wasser, Pumpwerke heben jährlich rund 800 Millionen Kubikmeter an mehr als 600 Stationen. Duisburg liegt mittendrin, allein im Stadtteil Walsum sind es 20 Millionen Kubikmeter pro Jahr, und der Landschaftspark selbst steht im Senkungsgebiet der Alten Emscher. Fielen die Polderpumpen aus, entstünden binnen Stunden Seen, und das Tauchrevier wäre nicht mehr auf den Gasometer beschränkt. Ewigkeitsaufgaben nennt sich das, der Name ist wörtlich gemeint.
Für den Besuch gilt: Das Gelände ist ganzjährig und rund um die Uhr geöffnet, der Eintritt frei, nur einzelne Angebote wie Klettern, Hochseilparcours und Tauchen kosten extra. Die Anreise gelingt über die A42, Abfahrt Duisburg-Neumühl, Parkplätze gibt es direkt am Gelände, die Straßenbahnlinie 903 hält am Park. Für die Lichtinstallation lohnt der Freitag- oder Samstagabend, für Fotografen die blaue Stunde, wenn Stahl und Himmel um die Wette glühen. Wer mehr über die Geschichte des Hüttenwerks, die Ewigkeitslasten des Reviers und die Frage wissen will, warum eine ganze Region auf Pumpen lebt, findet den ausführlichen Hintergrundbericht mit weiteren Bildern auf der Presseplattform sist24-media.eu. Der Landschaftspark beweist jedenfalls, dass eine Ruine mehr Zukunft haben kann als manches Neubaugebiet.


