Barock als Gesamtkunstwerk: Die Würzburger Residenz
Neumann musste bis zur Vollendung des Baus gleich mehreren Fürstbischöfen dienen: erst Johann Philipp Franz, dann dessen Bruder Friedrich Carl von Schönborn und schließlich zwei weiteren Nachfolgern. Dabei war er nicht allein am Werk. Er wertete die Entwürfe der damals führenden Architekten Europas aus, darunter Maximilian von Welsch, Lucas von Hildebrandt, Germain Boffrand und Robert de Cotte, und band Teile davon in seine eigene Planung ein. Herausgekommen ist ein Bau, der deutschen Barock, französische Klassik und den Wiener Reichsstil auf ungewöhnliche Weise miteinander verbindet. Drei Generationen von Künstlern aus ganz Europa prägten in der Folge die eigenständige Handschrift der Würzburger Hofkunst, bis der Venezianer Giovanni Battista Tiepolo zwischen 1751 und 1753 mit seinen Deckenfresken im Kaisersaal und Treppenhaus den Schlusspunkt setzte.
Tiepolos Fresko über dem Treppenhaus gilt als eines der größten je gemalten Deckenbilder überhaupt: 18 mal 30 Meter Fläche, auf der die vier damals bekannten Kontinente allegorisch versammelt sind, während Apollo als Sonnengott über der Welt aufsteigt. Wer die breite Treppe emporsteigt, hat dabei kaum eine Möglichkeit, dem Bild auszuweichen, was durchaus beabsichtigt war: Neumann plante die Treppenhalle so, dass sich die gesamte Deckenfläche erst im Aufstieg allmählich erschließt, ein Effekt, der noch heute funktioniert und regelmäßig für erstaunte Blicke sorgt. Zusammen mit dem Kaisersaal bildet das Treppenhaus das künstlerische Zentrum der gesamten Anlage und den Höhepunkt jedes Rundgangs durch die Prunkräume. Bis heute gilt dieser Moment am Fuß der Treppe vielen Besuchern als der eindrücklichste des gesamten Rundgangs durch die Residenz.
Am 16. März 1945 zerstörte ein Luftangriff 90 Prozent der Würzburger Altstadt, auch die Residenz brannte fast vollständig aus. Nur weil Neumanns Steinwölbungen dem brennend einstürzenden Dachstuhl standhielten, blieben Vestibül, Gartensaal, Weißer Saal, Treppenhaus und Kaisersaal mit den Tiepolo-Fresken weitgehend verschont, während andere Räume, etwa die Hofkirche, durch nachträglich eindringende Feuchtigkeit noch zusätzlichen Schaden nahmen. Der Wiederaufbau kostete rund 20 Millionen Euro und zog sich über Jahrzehnte hin. Als vorläufiger Schlusspunkt galt 1987 die Wiedereröffnung des Spiegelkabinetts, das in seiner aufwendigen Hinterglas-Maltechnik rekonstruiert wurde, weil die ausgelagerten Originalteile zuvor gerettet werden konnten. Ein eigener Gedenk- und Dokumentationsraum erinnert heute an Zerstörung und Wiederaufbau der Residenz. Bis heute zeugt kaum ein anderer Raum so deutlich von dieser Geschichte.
Die Residenz ist ganzjährig geöffnet, von April bis Oktober täglich 9 bis 18 Uhr, von November bis März 10 bis 16.30 Uhr, geschlossen nur am 1. Januar, an Faschingsdienstag sowie vom 24. bis 25. und am 31. Dezember. Der Eintritt kostet 10 Euro, ermäßigt 9 Euro, und schließt eine gut halbstündige Führung ein, deutschsprachig zu jeder vollen und halben Stunde, englischsprachig täglich um 11 und 15 Uhr. Karten gibt es an der Kasse oder online im Ticketshop der Residenz, Reisegruppen ab 15 Personen sollten sich sechs Werktage im Voraus anmelden. Wer öfter unterwegs ist, für den lohnt sich die Jahreskarte der Bayerischen Schlösserverwaltung für über vierzig Sehenswürdigkeiten in Bayern. Weitere Informationen: www.residenz-wuerzburg.de


