Bad Ems: Am Kursaalgebäude spazierte einst der Krieg vorbei

Verfasst von: Stefan Siedler
Kursaalgebäude Bad Ems
Kursaalgebäude Bad Ems  Bild: Stefan Siedler
Bad Ems [SiSt24] Wer heute durch die Kolonnaden des Kursaalgebäudes schlendert und den Marmorsaal bestaunt, ahnt selten, dass hier 1870 ein Krieg seinen Anfang nahm. Fünf Jahre nach der UNESCO-Anerkennung als Welterbe feiert Bad Ems im Juli gleich zwei Jubiläen auf einmal, wenn auch mit sehr unterschiedlichem Anlass.

1870 traf Wilhelm I. bei seinem Kurspaziergang auf den französischen Botschafter Benedetti, der eine Zusicherung zur Hohenzollernkandidatur verlangte. Empfangen wurde er nicht drinnen, sondern draußen, im Vorübergehen. Der König lehnte ab, die Depesche nach Berlin wurde redaktionell zugespitzt, und Frankreich erklärte Preußen den Krieg. Bad Ems nennt das bis heute nüchtern Emser Depesche, ganz so, als wäre das nur ein Vorgang unter vielen gewesen. Wer mag, isst danach im Restaurant Benedetti zu Mittag, direkt in Sichtweite der Kolonnaden. Manche Ironien schreibt die Stadt selbst, ganz ohne fremde Hilfe.

Marmorsaal des Kursaalgebäudes (Bild: Stefan Siedler)

Der eigentliche Anlass für diesen Artikel liegt allerdings fünf Jahre zurück. Am 24. Juli 2021 erklärte die UNESCO Bad Ems zum Welterbe, als Teil der Great Spa Towns of Europe, gemeinsam mit zehn weiteren Kurstädten wie Karlsbad, Vichy, Spa oder Bath, verteilt über sieben Länder. Ende Juli 2026 wird dieser Titel fünf Jahre alt, gefeiert wird das mit einem SommerFEST im Welterbe am 26. Juli 2026, mitten im Kurpark, ein paar Schritte von der Kolonnade entfernt, die 1870 schon einmal für Gesprächsstoff sorgte. Das Kursaalgebäude mit seinem Marmorsaal gehört zu den Bauten, die diesen Titel tragen, Säulen aus Lahntal-Marmor, Wandmalereien, und ein Saal, in dem sich einst Kaiser, Könige und Zaren die Kur haben schönreden lassen.

Historischer Druck der Emser Depesche im Treppenhaus (Bild: Stefan Siedler)

Ein historischer Druck der Szene um Wilhelm I. und den französischen Botschafter Benedetti hängt bis heute unauffällig im Treppenhaus des Kursaalgebäudes, zwischen Feuerlöscher und Fluchtwegschild, direkt neben dem Marmorsaal. Wer genau hinschaut, erkennt zwei Herren im Gehrock mitten auf einer Kolonnade, umgeben von Passanten, die von der weltpolitischen Tragweite der Szene erkennbar nichts ahnen. Auch der russische Schriftsteller Dostojewski kurte in Bad Ems und schwärmte hinterher von den Promenaden und Gärten der Stadt, komplett ohne Ironie, was angesichts seiner sonstigen Weltsicht schon fast bemerkenswert ist. Zwischen Kurkonzert und Weltgeschichte liegt in Bad Ems offenbar nur ein kurzer Spaziergang, und ein kleiner Bilderrahmen im Treppenhaus reicht völlig aus, um noch heute daran zu erinnern.

Fünf Jahre Weltkulturerbe, und mittendrin ein Saal, der sowohl für Konzerte als auch für den Auftakt eines Krieges gut war. Bad Ems trägt beides mit der gleichen Gelassenheit und feiert am 26. Juli einfach beides zusammen: das Jubiläum und die Erinnerung daran, dass Weltgeschichte manchmal nur einen Katzensprung von der nächsten Kaffeepause entfernt passiert. Wer an diesem Tag durch den Kurpark schlendert, steht am Ende vor derselben Kolonnade, an der 1870 eine Depesche zum Politikum wurde, heute allerdings mit Musik, Ständen und deutlich weniger diplomatischem Ärger.