Asamkirche Ingolstadt: Maria de Victoria del Trickipunto
Auf den ersten Blick fehlt der Asamkirche das, was Kirchen sonst von Weitem verrät: ein Turm. Die stuckierte Barockfassade reiht sich stattdessen unaufdringlich in die Häuserzeile der Neubaustraße ein. Gebaut wurde die Kirche zwischen 1732 und 1736, nicht als Pfarrkirche, sondern als Betsaal der Marianischen Studentenkongregation der Universität Ingolstadt. Außen zeigt sie sich barock, im Inneren dominiert dagegen das leichtere Rokoko – ein stilistischer Kontrast, der schon beim Eintreten auffällt. Wer die Tür öffnet, betritt damit einen Raum, der bewusst anders wirkt, als seine Fassade von außen vermuten lässt.
Den Grundstein legte Rektor Max Ignaz von Planckh, entworfen hat den Bau Egid Quirin Asam, ausgeführt hat ihn der Ingolstädter Stadtmaurermeister Michael Anton Prunthaler. Als die Universität 1800 nach Landshut umzog, schenkte Kurfürst Maximilian IV. Joseph das Gebäude der Stadt Ingolstadt, die daraus 1807 offiziell eine Kirche machte. Vieles aus der Innenausstattung ging im Zuge der Säkularisation verloren oder wurde später ersetzt – das Eingangsportal aber hat die knapp 300 Jahre bis heute im Original überstanden und öffnet sich noch immer so, wie es schon die Studenten der Kongregation im 18. Jahrhundert kannten. Wer beim Betreten kurz innehält, fasst damit ein Stück Handwerksgeschichte an, das älter ist als jede erhaltene Fotografie der Kirche.
Der Innenraum ist gerade einmal zehn Meter hoch, ein schlichter, rechteckiger Saal. Und doch beherrscht ihn ein einziges Bild: 490 Quadratmeter Deckenfresko, gemalt von Cosmas Damian Asam, dem älteren der beiden Asam-Brüder. Es gilt als das größte Flachdeckenfresko der Welt. Zu sehen ist Maria als Himmelskönigin und Mittlerin göttlicher Gnade, umgeben von den vier damals bekannten Erdteilen Europa, Asien, Afrika und Amerika, die jeweils in den Eckzonen der Decke auftauchen. Das eigentliche Kunststück liegt aber nicht in der Fläche, sondern in der Machart: Asam hat mehrere Fluchtpunkte übereinandergelegt, sodass sich das gemalte Bauwerk je nach Standort der Betrachterin oder des Betrachters verändert. Wer durch den Mittelgang geht und dabei die aufgemalte Pyramide im Blick behält, sieht Säulen und Gebälk regelrecht in Bewegung geraten.
Und dann ist da der eine Punkt. Ein paar Meter hinter dem Eingang, mittig im Gang, liegt eine kleine, leicht zu übersehende Markierung im Boden. Von hier aus – und wirklich nur von hier aus – klappt die gemalte Scheinarchitektur der Decke in ihre korrekte, lotrechte Form. Der aufgemalte Tempel steht plötzlich exakt gerade, die Säulen fluchten, nichts wirkt mehr schief. Schon einen Schritt daneben kippt das gesamte Bauwerk wieder aus der Senkrechten, die Perspektive zerfällt sichtbar in ihre Einzelteile. Wer die Illusion in voller Schärfe erleben will, muss sich klein machen: in die Hocke gehen hilft, auf dem Boden liegen noch mehr – Fotografen mit Weitwinkelobjektiv schwören darauf. Cosmas Damian Asam hat diesen einen Blickwinkel bewusst konstruiert, als kleine Machtdemonstration barocker Illusionsmalerei, mitten in einer Kirche für Studenten.
In der Sakristei hängt ein Stück Geschichte, das weniger mit Kunstfertigkeit als mit dem Dreißigjährigen Krieg zu tun hat: das sogenannte Tilly-Kreuz. Der Überlieferung nach trug Feldherr Johann t'Serclaes von Tilly dieses Kreuz auf seinen Feldzügen bei sich. Tilly, einer der bekanntesten Heerführer der katholischen Liga, starb 1632 nur wenige Meter von der Kirche entfernt, in einem Bürgerhaus gegenüber, an den Folgen einer Verwundung. Diese Nähe ist kein Zufall der Stadtgeschichte: Sie macht die Sakristei zu einem der wenigen Orte in Ingolstadt, an denen sich der Krieg noch fast greifbar anfühlt. Gleich neben dem Kreuz wird außerdem ein sogenanntes Fatschenkind aufbewahrt, eine gewickelte Christusfigur aus dem 18. Jahrhundert in einem eigenen Schrein – ein Andachtsbild, wie es in barocken Frauenklöstern und Kongregationen üblich war und heute nur noch selten in dieser Qualität erhalten ist.
Gleich daneben, ebenfalls in der Sakristei, steht die Lepanto-Monstranz: 18 Kilogramm teilvergoldetes Silber, geschaffen 1708 vom Augsburger Goldschmied Johannes Zeckl für die bürgerliche Kongregation. Sie erinnert an die Seeschlacht von Lepanto 1571, in der eine christliche Flotte die osmanische besiegte, und zeigt die Szene mit einer Detailfreude, die man einem liturgischen Gerät kaum zutraut: ein sinkendes türkisches Schiff, der fliehende Sultan, ertrinkende Haremsdamen. In den drei Mastkörben der christlichen Schiffe sind vermutlich die siegreichen Befehlshaber dargestellt, darunter Don Juan de Austria und der venezianische Admiral Sebastiano Venier. Der Sockel, ursprünglich als kniender Türke aus massivem Gold gestaltet, fiel der Säkularisation zum Opfer und wurde erst 1892 ersetzt. Kunsthistoriker zählen die Monstranz zu den wertvollsten weltweit.
Lust auf mehr bekommen? Asamkirche Maria de Victoria Neubaustraße 1 1/2, 85049 Ingolstadt Öffnungszeiten: Sommer: 10–12 Uhr und 13–17 Uhr Winter: 10–12 Uhr und 13–16 Uhr Montags geschlossen Eintrittspreise im Überblick: Regulär (ab 18 Jahren): 4,00 € Ermäßigt (Studierende, Schüler, Senioren/Berechtigte mit Nachweis, Ingolstadt-Pass): 2,50 € Gruppen (ab 10 Personen, pro Person): 2,50 € Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren: Frei Auf Wunsch und nach Rücksprache Führungen möglich. Orgelmatinee (Sonntagskonzerte im Sommer): Eintritt frei (Spenden erbeten) Träger: Bürgerkongregation Maria vom Sieg Ingolstadt weitere Informationen: www.ingolstadt.de


