100 Fässer, ein Weltkulturerbe: Der Residenzweinkeller

Verfasst von: Stefan Siedler
(Bild: Natalia Siedler)
Würzburg [SiSt24] Wer die Würzburger Residenz besucht, sieht meist nur die halbe Geschichte: Oben glänzen Treppenhaus und die Fresken Tiepolos, unten liegt ein zweites Bauwerk aus der Feder Balthasar Neumanns. Der Residenzweinkeller misst 4.557 Quadratmeter und 891 Meter Gänge, beherbergt hundert Holzfässer im Stückfasskeller und gehört seit 1981 offiziell zum UNESCO-Weltkulturerbe, nicht nur oberirdisch. Wer mag, wird sogar Pate für ein eigenes Weinfass.
Grundstein der Residenz Würzburg (Bild: Natalia Siedler)

1719 erhielt Balthasar Neumann von Fürstbischof Johann Philipp Franz von Schönborn den Auftrag zum Bau der neuen Residenz, ausdrücklich samt einem, wie es damals hieß, „vorzüglichen Weinkeller". Ein Jahr später, im Mai 1720, wurde der Grundstein gelegt, mit der für Barockbauten dieser Größenordnung üblichen Zeremonie und feierlicher Urkunde. Dass so viel Aufwand in einen Keller floss, sagt einiges darüber, welchen Stellenwert der Wein am fürstbischöflichen Hof hatte. Neumann plante die Gewölbe mit bis zu fünf Meter dicken Wänden, eine Ingenieursleistung, die zwei Etagen darüber sogar das fürstbischöfliche Theater trug, heute die Gemäldegalerie. Fertiggestellt wurde der Rohbau erst 1744, die Innenausstattung der gesamten Residenz zog sich sogar bis 1780 hin, ein Bauprojekt über drei Fürstbischofsgenerationen hinweg.

(Bild: Natalia Siedler)

Herzstück ist der Stückfasskeller mit seinen 100 Holzfässern zu je rund 1.200 Litern, aufgereiht auf einem historischen Doppellager unter meterdicken Gewölbewänden. Wer möchte, kann hier Patin oder Pate eines dieser Fässer werden: Der Staatliche Hofkeller fertigt für Fasspaten ein eigenes Stück an, benannt nach Person oder Unternehmen, und lädt zu exklusiven Club-Veranstaltungen im Gewölbe ein. Kapazität pro Anlass: vier Personen, eine ungewöhnliche und fast private Art, sich mit einem Stück Weinkultur zu verbinden. Ansprechpartner beim Hofkeller ist Holger Fehrer, erreichbar unter der Telefonnummer 0931-3050930, für alle Fragen rund um dieses besondere Patenschaftsprogramm. Bis zu 160 Personen finden im Stückfasskeller bei Weinproben Platz, ergänzt um das Ambiente eines Kronleuchters und einer historischen Weinpresse aus dem 18. Jahrhundert.

(Bild: Natalia Siedler)

Nebenan, im sogenannten Beamtenfasskeller, erzählen drei riesige Fässer von 1784 eine andere Geschichte: Aus ihnen floss einst der Naturallohn der Hofbediensteten, ein Teil ihres Solds in Wein statt in Münzen. Hier steht auch das legendäre Schwedenfass, das an den 1631 vor schwedischen Truppen im Wald vergrabenen Jahrgang 1540 erinnert und dessen Flaschen erst 1684 zufällig wiederentdeckt wurden. König Ludwig II. ließ den kostbaren Inhalt später in Flaschen abfüllen und verkaufen, um seine Schlossbauten zu finanzieren. Wer durch den knapp 60 Meter langen Geschichtstunnel geht, der Nord- und Südflügel verbindet, durchquert buchstäblich 875 Jahre Kellergeschichte, vom Gründungsjahr 1128 bis heute. Bei einer Verkostung 1966 zeigte sich übrigens, dass eine der erhaltenen Flaschen des einstigen Jahrtausendweins noch immer trinkbar war, wenn auch nicht mehr in der überlieferten Süße.

(Bild: Natalia Siedler)

Die konstante Luftfeuchtigkeit von rund 80 Prozent hält den Wein bei idealen 15 bis 18 Grad, hat aber über die Jahrhunderte auch etwas anderes hervorgebracht: An manchen Gewölbedecken hat sich der für alte Weinkeller typische dunkle Kellerpilz gebildet, der von den Alkoholdämpfen der reifenden Fässer lebt. Kein Schönheitsfehler, sondern ein natürliches Echo von drei Jahrhunderten Weinlagerung. Winzer und Kellermeister sehen darin traditionell kein Problem, sondern eher ein Gütesiegel: Wo der Pilz wächst, wird seit Generationen Wein gelagert, und die konstanten klimatischen Verhältnisse, die ihn entstehen lassen, kommen auch dem Wein selbst zugute. Ähnliche Beläge kennt man auch aus anderen jahrhundertealten Weinkellern in Deutschland, etwa in Bremen oder Rüdesheim, wo dieselben klimatischen Bedingungen über lange Zeit hinweg wirken.

(Bild: Natalia Siedler)

Seit 1981 gehört die Würzburger Residenz mit Hofgarten und Residenzplatz zum UNESCO-Weltkulturerbe, als eine der bedeutendsten Barockanlagen nördlich der Alpen. Das gilt ausdrücklich nicht nur für Treppenhaus und Fassade: Die Kellergewölbe wurden von Neumann architektonisch als Teil des Gesamtbauwerks mitgeplant und zählen entsprechend zum geschützten Erbe, nur eben unter der Erde statt darüber. Wer durch die Kellergänge geht, bewegt sich damit tatsächlich innerhalb der Welterbestätte, nicht nur in ihrer Nachbarschaft. Ein Umstand, den viele Besucher erst bei der Kellerführung selbst erfahren, meist mit einem überraschten Blick nach oben zur Gewölbedecke. Die Kellerführungen zählen damit zu den seltenen Gelegenheiten, ein Weltkulturerbe nicht nur zu betrachten, sondern mit allen Sinnen zu erleben, vom Geruch der alten Fässer bis zum Geschmack des Weins.

(Bild: Natalia Siedler)

Wer selbst hinabsteigen möchte: Öffentliche Kellerführungen finden von März bis Dezember freitags um 16 und 17 Uhr sowie samstags und an bundesweiten Feiertagen stündlich von 11 bis 17 Uhr statt, sonntags bleibt geschlossen. Eine Führung dauert etwa 45 Minuten und schließt ein Glas Wein mit ein. Treffpunkt ist der Frankonia-Brunnen auf dem Residenzplatz, der Eintritt liegt bei 13 Euro pro Person, Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre kommen kostenlos hinein, allerdings ohne Wein. Karten, aktuelle Termine und den Veranstaltungskalender 2026 zum Download gibt es unter www.hofkeller.de/Veranstaltungen, telefonische Auskunft unter 0931 30509-31. Gruppen ab zehn Personen wird eine vorherige Anmeldung empfohlen, individuelle Sonderführungen außerhalb der regulären Zeiten lassen sich nach Absprache mit dem Staatlichen Hofkeller ebenfalls vereinbaren.