Wie Bremens ärmstes Viertel zum teuersten Pflaster wurde
Am Rand des Viertels stand einst ein Franziskanerkloster, von dem heute nur noch die Kirche St. Johann erhalten ist, eine der wenigen erhaltenen Ordenskirchen Norddeutschlands. Anfang des 20. Jahrhunderts geriet der Schnoor dann in eine Abwärtsspirale: Die engen Gassen ließen sich mit Automobilen nicht befahren, für die Stadtplanung galt das Viertel als rückständig, wohlhabendere Bewohner zogen weg. Was damals als Nachteil galt, wurde zur Rettung: Weil niemand die Häuser abriss, blieb die mittelalterliche Struktur erhalten, während anderswo in Bremen historische Bausubstanz verschwand. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg entdeckte man den Wert der engen Gassen neu, heute gilt der Schnoor als eines der am besten erhaltenen Altstadtviertel Norddeutschlands. Manche Fassaden zeigen das bis heute deutlich.
Wer mehr über die Bewohner von einst erfahren möchte, findet im Bremer Geschichtenhaus eine interaktive Zeitreise: Schauspielerinnen und Schauspieler in historischen Kostümen verkörpern Bremer Persönlichkeiten und lassen die Zeit vom 17. bis ins frühe 20. Jahrhundert lebendig werden. Nur wenige Schritte weiter liegt das Packhaustheater, das in einem ehemaligen Lagerhaus ein wechselndes Programm aus Kabarett, Musik und Schauspiel zeigt. Beide Häuser haben sich in den vergangenen Jahrzehnten zu festen Anlaufstellen für Bremer Kulturinteressierte entwickelt, ohne dass der Schnoor dabei sein Flair als bewohntes Wohnviertel verloren hätte. Wer Glück hat, trifft samstags sogar auf einen der seltenen Wochenmärkte im Viertel. Dann duftet es zwischen den alten Häusern nach frischem Brot und Blumen.
Heute wohnen im Schnoor noch immer Menschen, direkt über den kleinen Läden für Kunsthandwerk, Keramik und Schmuck, die sich in den Erdgeschossen der alten Häuser eingerichtet haben. Autos kommen hier ohnehin nicht durch, entsprechend ruhig geht es zwischen den schiefen Fachwerkfassaden zu. Wer durch die Gassen bummelt, sollte sich nicht am Kopfsteinpflaster stoßen und ruhig auch mal in einen der Hinterhöfe schauen, die man von der Straße aus kaum vermutet. Cafés mit wenigen Tischen im Freien laden zum Verweilen ein, besonders an Sommerabenden, wenn die Sonne noch lange über die Dächer scheint und die Gassen in warmes Licht taucht. Fotografen kommen dann meist wegen genau dieses Lichts vorbei. Kamera griffbereit.
Nur wenige Gehminuten entfernt liegt die Böttcherstraße, das expressionistische Gegenstück zum gewachsenen Schnoor. Dort ein einzelnes, in den 1920er-Jahren durchgeplantes Gesamtkunstwerk des Kaffeekaufmanns Ludwig Roselius, mit Backsteinfassaden, Glockenspiel und dem Paula-Modersohn-Becker-Haus. Hier dagegen ein über Jahrhunderte gewachsenes Fischer- und Handwerkerviertel, dessen krumme Gässchen eher durch Zufall als durch Plan die Zeit überdauert haben. Beide Ecken liegen fußläufig zueinander und lassen sich an einem Nachmittag verbinden, auch wenn sie völlig unterschiedliche Tempi vorgeben. Wer erst durch den Schnoor gebummelt ist, merkt beim Wechsel in die Böttcherstraße sofort den Unterschied zwischen gewachsener und geplanter Architektur. Mehr zur Böttcherstraße, ihrem Glockenspiel und der Geschichte hinter den expressionistischen Fassaden gibt es im separaten Bericht auf sist24-media.eu.


