Hongkong - Die Stadt, die einmal frei war.

Verfasst von: Gisbert Kühner
Ein Land, zwei Systeme
Ein Land, zwei Systeme  Bild: pixaby
Hongkong war einmal ein Versprechen. Ein Ort, an dem Freiheit nicht nur ein Wort war, sondern ein Lebensgefühl. Ein freier Ort, an dem Menschen aus ganz Asien ihre Zuflucht fanden, weil sie glaubten, hier könne man sein Leben selbst gestalten. Heute ist Hongkong ein anderes Hongkong. Und wer verstehen will, wie tief der Bruch zwischen der Stadt und der Volksrepublik China geworden ist, muss den Menschen zuhören, die hier leben.

Der Ursprung des heutigen Konfliktfeldes liegt im 19. Jahrhundert. Nach dem Ersten Opiumkrieg musste China 1842 im Vertrag von Nanking Hongkong Island an Großbritannien abtreten. Weitere Schritte folgten: · 1860: Abtretung der Kowloon-Halbinsel · 1898: Pachtvertrag über die „New Territories“ für 99 Jahre. Hongkong wurde zu einer britischen Kronkolonie – und zu einem der wichtigsten Handelsposten Asiens. Für China war der Verlust ein Symbol nationaler Demütigung. Japan besetzte Hongkong 1941–1945. Nach Kriegsende kehrte die britische Verwaltung zurück. Währenddessen veränderte sich China radikal: · 1949: Gründung der Volksrepublik China · Hongkong wurde zu einem Zufluchtsort für Millionen Chinesen, die vor Bürgerkrieg, Hunger oder politischer Verfolgung flohen.

Die Stadt entwickelte sich zu einem kapitalistischen Wirtschaftswunder – direkt vor den Toren eines kommunistischen Staates. Verhandlungen und „One Country, Two Systems“ (1980er) Der Pachtvertrag der New Territories lief im Jahre 1997 aus. Ohne sie war Hongkong nicht lebensfähig. Großbritannien und China mussten verhandeln. 1984 wurde die sog. Sino-British Joint Declaration unterzeichnet: · Hongkong sollte 1997 an China zurückgegeben werden. · China versprach 50 Jahre Autonomie („One Country, Two Systems“). · Hongkong sollte eigene Gesetze, Gerichte, Währung und Freiheiten behalten. Diese Zusage wurde international als historischer Kompromiss gefeiert.

Am 1. Juli 1997 übergab Großbritannien Hongkong an China. Die ersten Jahre verliefen relativ stabil – doch die politischen Spannungen wuchsen: · Forderungen nach mehr Demokratie · Sorge vor wachsendem Einfluss Pekings · Erste Protestbewegungen gegen Eingriffe in Medienfreiheit und Bildung. Der Wendepunkt kam 2014. China wollte die Direktwahl des Hongkonger Regierungschefs nur zulassen, wenn Peking die Kandidaten vorab genehmigt. Hunderttausende protestierten – friedlich, kreativ, monatelang. Die Bewegung scheiterte politisch, veränderte aber das Bewusstsein einer ganzen Generation. Ein geplantes Auslieferungsgesetz hätte Hongkonger Bürger vor chinesische Gerichte stellen können. Die Proteste wurden zur größten Demokratiebewegung in der Geschichte Hongkongs. Die Forderungen reichten von Rücknahme des Gesetzes bis zu freien Wahlen.

China reagierte mit einem drastischen Schritt, mit der Einführung eines Sicherheitsgesetzes, das "Separatismus", "Subversion" und "ausländische Einmischung" weit auslegt. Oppositionelle, Journalisten und Aktivisten wurden verhaftet oder flohen ins Ausland. Die Pressefreiheit wurde massiv eingeschränkt. Damit endete faktisch das Versprechen "Ein Land, zwei Systeme". Heute ist Hongkong eine integrierte Metropole Chinas. Seit 2020 hat sich das Verhältnis grundlegend verändert: Die Politische Opposition ist weitgehend ausgeschaltet, das Wahlrecht wurde zugunsten Pekings umgestaltet, Zivilgesellschaft und Medien stehen unter Druck. Wirtschaftlich bleibt Hongkong wichtig, aber weniger einzigartig. Hongkong ist heute de facto vollständig in das politische System Chinas integriert, auch wenn es formal noch Sonderverwaltungszone heißt.

Für die Älteren, die in den 1950er und 1960er Jahren aus dem Festland nach Hongkong flohen, war die Stadt ein Rettungsboot. Sie erinnern sich an Hunger, politische Kampagnen, Repression. Hongkong war für sie: · Sicherheit · Arbeit · Aufstieg · ein Leben ohne Angst Viele von ihnen sagen heute: "Wir wussten, dass China zurückkommt. Aber wir hofften, es würde anders kommen." Sie sind nicht laut. Aber sie sind enttäuscht. Die Menschen, die in den 1980er und 1990er Jahren groß wurden, kannten Hongkong als pulsierende, freie Metropole. Sie erlebten die Rückgabe 1997, die Versprechen, die Zerreißproben. Für sie ist China ein Paradox:· wirtschaftlich unverzichtbar · politisch unberechenbar. Sie sahen, wie Peking langsam, aber konsequent Einfluss nahm. Sie sahen, wie Medienhäuser schlossen, wie Wahlrechte verändert wurden, wie die Stadt sich veränderte.

Viele sagen heute: "Wir wollten nie unabhängig sein. Wir wollten nur das behalten, was uns versprochen wurde." Für die unter 30‑Jährigen ist das Verhältnis zu China klarer, härter, persönlicher. Sie sind die Kinder der offenen Gesellschaft Hongkongs – und die ersten, die erleben, wie sie verschwindet. Sie sagen: · "Wir sind Hongkonger, nicht Chinesen." · "China nimmt uns unsere Zukunft." · "Wir haben nichts gegen das chinesische Volk – aber gegen das System." Diese Generation stand 2014 auf den Straßen, 2019 in den Massenprotesten, 2020 unter Tränengas. Sie hat Freunde verloren, die verhaftet wurden. Sie hat Freunde verloren, die ausgewandert sind. Sie hat eine Stadt verloren, die sie liebte.

Hongkong ist ein Finanzzentrum. Für Banker, Händler, Unternehmer ist China Markt, Motor, Macht. Doch selbst hier bröckelt die Loyalität. Viele sagen hinter vorgehaltener Hand: "Ohne China kein Geschäft, mit China keine Freiheit. Wir leben in einem Käfig, der golden ist - aber ein Käfig bleibt." Sie wissen: Stabilität ist gut für die Wirtschaft. Aber politische Kontrolle ist schlecht für Vertrauen. Es gibt Hongkonger, die die Integration begrüßen. Sie sprechen von: · nationaler Einheit · wirtschaftlicher Sicherheit · Stabilität statt Protesten Doch sie sind eine Minderheit. Und viele von ihnen sind eng mit Pekings Netzwerken verbunden.

Was bleibt, ist ein Gefühl, das viele Hongkonger teilen, egal ob jung oder alt, reich oder arm, politisch aktiv oder still: „Wir haben etwas verloren, das man nicht zurückbekommt.“ Es ist nicht nur Freiheit. Es ist nicht nur Autonomie. Es ist Identität. Hongkong war ein Ort, der anders war. Heute ist es ein Ort, der sich anpassen muss. Die Stadt, die einmal frei war. Hongkongs Verhältnis zur Volksrepublik China ist aus Sicht der Bürger eine Geschichte von Hoffnung und Enttäuschung, von Versprechen und Brüchen, von Mut und Angst. Hongkong ist nicht verschwunden. Aber das Hongkong, das die Menschen liebten, existiert nur noch in ihrer Erinnerung.

Ähnliche Themen

Feeds RSS Feeds