Deutschland lange genug in der sicherheitspolitischen Hängematte.
Nach dem Ende des Kalten Krieges dominierte in Deutschland ein optimistisches Grundgefühl, das sich in einem Satz zusammenfassen lässt: „Europa ist von Freunden umgeben.“ Diese Annahme prägte Politik, Gesellschaft und strategische Entscheidungen. Die Bundeswehr wurde verkleinert, Kasernen geschlossen, Wehrpflicht ausgesetzt und Material abgebaut. Sicherheitspolitik galt als Randthema, nicht als Kernaufgabe des Staates. Während andere Staaten ihre Verteidigungsfähigkeit modernisierten, setzte Deutschland auf wirtschaftliche Verflechtung, Diplomatie und die Hoffnung, dass Konflikte sich durch Handel entschärfen ließen. Ein Konzept, das spätestens am 24. Februar 2022 in sich zusammenfiel.
Kaum ein europäisches Land profitierte so stark vom amerikanischen Schutzschirm wie Deutschland: Sicherheit auf Kosten anderer. Die USA stellten: · Aufklärungssysteme · Logistik · Munition · Cyber‑Fähigkeiten · Truppenpräsenz · den nuklearen Schutzschirm Deutschland konnte sich zurücklehnen und sich darauf verlassen – und tat es auch. Das Ergebnis: eine strukturelle Unterfinanzierung der eigenen Streitkräfte, die über mehrere Jahrzehnte hinweg politisch akzeptiert wurde. Unerkannte Verteidigungsunfähigkeit bei Angriffen und Verkennung der Realität, fahrlässiges Verstecken hinter Artikel 5 der NATO-Satzung. Die Bundeswehr wurde über Jahre hinweg zum Sinnbild politischer Bequemlichkeit und falsch eingeschätztem, gefährlichem Sparwillen.
Massiver Materialmangel, veraltete Systeme, fehlende Munition, viele unbesetzte Stellen – all das war bekannt, aber politisch lange nicht prioritär. Die sicherheitspolitische Hängematte bestand nicht aus Ignoranz, sondern aus einer Mischung aus Wunschdenken, Haushaltslogik und der Überzeugung, dass militärische Stärke in Europa keine zentrale Rolle mehr spielen müsse. Erst der russische Angriff auf die Ukraine riss Deutschland aus seiner sicherheitspolitischen Komfortzone. Die Bundesregierung verkündete die „Zeitenwende“ – ein Begriff, der inzwischen selbst zum politischen Prüfstein geworden ist. Seitdem erreicht Deutschland erstmals seit Jahrzehnten das geforderte NATO‑Zwei‑Prozent‑Ziel,
Auch unter dem Druck der amerikanischen Regierung fließen Rekordmittel in die Modernisierung der Bundeswehr, wurde ein neuer Wehdienst installiert und die Abhängigkeit von den USA kritisch Hinterfragt. Doch die Frage bleibt: Reicht das? Viele Experten bezweifeln es. Die Lücken sind groß, die Zeit knapp, und die geopolitische Lage unberechenbar. Europa steht vor einer Phase, in der es sicherheitspolitisch mehr Verantwortung übernehmen muss. Die USA signalisieren seit Jahren, dass ihre strategische Aufmerksamkeit zunehmend auf den Indopazifik gerichtet ist. Für Europa bedeutet das: Die Ära der amerikanischen Rundumgarantie geht zu Ende. Deutschland, als größte Volkswirtschaft Europas, steht dabei im Zentrum der Erwartungen. Doch Führungsfähigkeit setzt Handlungsfähigkeit voraus.
Deutschland will eine führende Rolle in Europa übernehmen – wirtschaftlich, politisch, diplomatisch. Doch die Realität zeigt deutlich: Der Anspruch ist sehr groß, die sicherheitspolitische Basis aber schwach. Die Hängematte war bequem. Aber sie war nie stabil. Heute steht Deutschland vor der Aufgabe, jahrzehntelange Versäumnisse aufzuholen – in einer Welt, die ungeduldiger geworden ist. Deutschland hat sich sicherheitspolitisch tatsächlich lange in einer Hängematte eingerichtet. Nicht aus Leichtsinn, sondern aus einer historischen Erfahrung heraus, die sich als trügerisch erwiesen hat. Die Zeitenwende ist der Versuch, diese Fehler zu korrigieren. Ob sie gelingt, entscheidet sich nicht an politischen Reden, sondern an der Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen – für sich selbst und für Europa.


