68er vs. Gen Z: Warum zwei Generationen dieselben Fragen stellen.
Die sogenannten 68er wuchsen in einer Gesellschaft auf, die noch stark vom Zweiten Weltkrieg und seinen Folgen geprägt war. Ihre Eltern, oft von den Kriegserlebnissen gezeichnet, verhielten sich zurückhaltend, sprachen kaum über die Vergangenheit und übten häufig strenge, autoritäre Erziehungsformen aus. Zwar brachte das Wirtschaftswunder materiellen Aufschwung und mehr Komfort, doch es lieferte keine befriedigenden Antworten auf die ethischen und politischen Fragen, die viele junge Menschen bewegten. Aus diesem Klima heraus entwickelte sich eine junge Generation, die das lange herrschende Schweigen und das bewusste Ausblenden der NS‑Vergangenheit nicht länger akzeptieren wollte.
In vielfältigen Aktionen — von Straßendemonstrationen über Sit‑ins bis zu Besetzungen von Hörsälen und Instituten — forderten die Aktivisten nicht bloß schrittweise Reformen, sondern eine tiefgreifende Neuorientierung der Gesellschaft. Zentrale Ziele waren der Widerstand gegen den Vietnamkrieg, der Kampf gegen die Verabschiedung der Notstandsgesetze sowie die Kritik an alten, oft als verkrustet empfundenen Machtverhältnissen. Für viele bedeutete Freiheit vor allem Befreiung von autoritären Zwängen und hierarchischen Strukturen. Es herrschte ein optimistisches Gefühl, dass sich die Welt grundlegend verändern lasse — vorausgesetzt, man erhob laut und sichtbar seine Stimme.
Ganz anders stellt sich die Lage für die Generation Z dar. Sie ist die erste Kohorte, die von Anfang an in einer vollständig digital geprägten Lebenswelt aufwächst – mit Smartphones, sozialen Netzwerken und permanenter Verfügbarkeit von Information. Gleichzeitig ist sie wohl auch die erste, die das Gefühl hat, die Zukunft sei unsicherer als die Vergangenheit. Klimaerwärmung, internationale Konflikte, die Erfahrung einer globalen Pandemie und wiederkehrende wirtschaftliche Erschütterungen prägen ihren Alltag; Krisen werden hier nicht als Ausnahme, sondern als dauerhafter Zustand erlebt. Diese jungen Menschen sind in Familien groß geworden, in denen Kommunikation, Fürsorge und emotionale Zuwendung einen hohen Stellenwert haben.
Viele Eltern sind dialogorientiert und bemüht, Ängste ernst zu nehmen; zugleich gibt es oft einen überprotektiven Zug, der Sicherheit über Risikobereitschaft stellt. In der Gesellschaft fallen sie auf in einem Umfeld, das pluralistischer, vielfältiger und stärker vernetzt ist als frühere Generationen es kannten. Doch die schier unbegrenzten Wahlmöglichkeiten, die diese Vernetzung bringt, können sich schnell in eine Belastung verwandeln. Überfluss an Optionen, ständige Vergleichbarkeit und das Bewusstsein, dass Entscheidungen langfristige Konsequenzen haben können, erzeugen Druck. Wenn die äußeren Bedingungen brüchig erscheinen, verliert das Versprechen individueller Freiheit einen Teil seines Reizes und wird zur Last. Anstatt radikalen Umstürzen nachzujagen, setzt die Gen Z eher auf Reparatur und Wiederherstellung.
Sie sucht nach Wegen, bestehende Systeme resilienter und gerechter zu machen. Stabilität steht für sie hoch im Kurs – sei es in Form verlässlicher Arbeitsbedingungen, nachhaltiger Umweltpolitik oder funktionierender öffentlicher Infrastruktur. Ebenso wichtig sind ihnen Maßnahmen zur Förderung psychischer Gesundheit und sozialer Unterstützung. Pragmatisch orientiert, legen viele Mitglieder dieser Generation Wert auf Nachhaltigkeit im Alltag, konkrete politische Lösungen und auf Institutionen, die tatsächlich funktionieren. Sie wollen keine bloßen Symbolgesten, sondern wirkungsvolle Maßnahmen, die langfristig Bestand haben. Damit verbindet sich ein Anspruch an Staat und Gesellschaft: Verantwortung übernehmen, reparieren, und Strukturen schaffen, die auch künftigen Krisen besser standhalten.
Während die 68er gegen ein zu starres System kämpften, kämpft die Gen Z mit einem System, das zu instabil geworden ist. Die 68er glaubten an die große Revolution, die Gen Z an die kleinen, konkreten Verbesserungen. Aktivismus findet heute nicht nur auf der Straße statt, sondern im Netz – fragmentiert, moralisch, global. Die 68er waren laut, konfrontativ, überzeugt von ihrer historischen Mission. Die Gen Z ist reflektiert, vorsichtig, oft erschöpft. Doch sie ist sensibel für Ungerechtigkeit und bereit, Verantwortung zu übernehmen – nicht aus revolutionärem Überschwang, sondern aus nüchterner Notwendigkeit. Die Generation der 68er strebte in erster Linie nach individueller Selbstverwirklichung,
Sie wollte bestehende Normen hinterfragen, persönliche Freiheit und ein anderes Leben. Im Lauf der Zeit jedoch landeten viele von ihnen in Positionen mit Einfluss, wirtschaftlichem Aufstieg und politischem Gewicht – und wurden damit oft Teil jenes Establishments, das sie einst kritisiert und bekämpft hatten. Die heutige Generation Z dagegen verbindet die Suche nach Sinn mit dem Bedürfnis nach Verlässlichkeit. Sie möchte einer Tätigkeit nachgehen, die Bedeutung stiftet, ohne dabei die eigenen Grenzen zu überschreiten; arbeiten, ohne sich selbst zu verlieren, und leben, ohne in dauerhafter Erschöpfung zu enden. Gleichzeitig wünscht sie sich eine planbare, abgesicherte Zukunft, ist sich aber ebenso bewusst, dass diese Zukunft nicht automatisch entsteht.
Gleichzeitig wünscht sie sich eine planbare, abgesicherte Zukunft, ist sich aber ebenso bewusst, dass diese Zukunft nicht automatisch entsteht, sondern aktiv gestaltet und erkämpft werden muss. Deshalb sucht sie nach nachhaltigen Lebensentwürfen, fairen Arbeitsbedingungen, mentaler Balance und nach Wegen, Einfluss zu nehmen, ohne dabei die eigene Sicherheit aufs Spiel zu setzen. Trotz aller Unterschiede teilen 68er und Gen Z eine zentrale Erfahrung: Sie stehen an Wendepunkten der Geschichte. Die 68er lösten gesellschaftliche Erstarrung. Die Gen Z muss verhindern, dass die Welt kollabiert. Beide Generationen tragen Verantwortung – die eine rückblickend, die andere vorausschauend.
Vielleicht liegt genau darin die Chance: Die 68er können ihre Erfahrung einbringen, die Gen Z ihre digitale Kompetenz und ihren Realitätssinn. Die eine Generation weiß, wie man Systeme verändert. Die andere weiß, wie man sie stabilisiert. Die 68er wollten die Welt umstürzen. Die Gen Z muss verhindern, dass die Welt aus den Fugen gerät. Zwischen diesen Polen liegt die Aufgabe unserer Zeit: eine Gesellschaft zu bauen, die sowohl mutig als auch widerstandsfähig ist. Die Generationen stehen nicht im Gegensatz – sie sind zwei Seiten derselben Geschichte.


