Lenbach wollte ein Zuhause - München bekam ein Museum

Verfasst von: Stefan Siedler
Lenbach-Haus
Lenbach-Haus  Bild: Siedler Stefan
Franz von Lenbach ließ sich Ende des 19. Jahrhunderts eine Villa bauen, die einem Florentiner Palazzo alle Ehre gemacht hätte. Heute wohnt dort niemand mehr. Stattdessen hängen Kandinsky, Marc und Klee an den Wänden, während Touristen durch den Rosengarten schlendern und Architekturstudenten den Foster-Anbau fotografieren. Was Lenbach als Privatresidenz geplant hatte, ist eines der interessantesten Museumsgebäude Deutschlands geworden

Franz von Lenbach war Münchens gefragtester Portraitmaler, als er sich 1883 daran machte, sein Wohnhaus zu entwerfen. Bescheidenheit war keine erkennbare Entwurfsprämisse. Er arbeitete mit dem Architekten Gabriel von Seidl zusammen, der ihm eine zweigeschossige Villa mit Atelier, Ausstellungssälen und einem Innenhof im Stil der italienischen Renaissance schuf. Das Gebäude war von Anfang an mehr als ein Wohnhaus: Künstleratelier, Empfangsraum und Galerie zugleich. Lenbach starb 1904, bevor er das Haus wirklich losgeworden war. Seine Witwe Lolo ließ es 1912 noch einmal erweitern, bevor die Stadt München es 1924 erwarb.

Franz von Lenbach (Bild: Stefan Siedler)

Der Innenhof ist das Herzstück. Wer durch die Eingangspforte tritt, steht plötzlich in einer Atmosphäre, die mit dem Münchner Alltag draußen wenig zu tun hat. Die Arkaden, die Säulen, der gepflegte Rosengarten davor: Das ist Absicht, kein Zufall. Lenbach hatte Italien gut im Kopf, insbesondere die Florentiner Stadtpaläste der Renaissance. Er wollte nicht in München wohnen, er wollte in einer eigenen Version von Florenz wohnen. Gabriel von Seidl hat das umgesetzt, ohne dabei in bloße Kopie zu verfallen. Der Innenhof funktioniert bis heute als Pausenraum, als Fotokulisse und als Ort, an dem Besucher länger bleiben als geplant. Wer das Museum eigentlich nur wegen Kandinsky besucht, bleibt am Ende am Innenhof hängen.

(Bild: Siedler Stefan)

Nach dem Erwerb durch die Stadt 1924 stand schnell fest: Das Haus reicht nicht. Hans Grassel, einer der produktivsten Münchner Architekten seiner Zeit, so entwarf er 1927 bis 1929 einen Flügelbau für die städtische Gemäldegalerie. Grassel orientierte sich dabei am Bestand und hielt sich mit eigenen Akzenten zurück. Das Ergebnis ist ein Anbau, der funktioniert, ohne aufzufallen. Man merkt ihm wahrlich nicht an, dass er 40 Jahre jünger ist als die Villa. Diese Zurückhaltung war eine grundlegende Entscheidung. Grassel hätte auch lauter bauen können. Er hat es aber nicht getan, und das Ensemble ist homogener dafür. Was als pragmatische Erweiterung begann, gilt den meisten Besuchern heute als der eigentliche Altbau.

(Bild: Siedler Stefan)

Norman Foster gewann den Wettbewerb für den Erweiterungsbau; fertig wurde der neue Trakt 2013, nach jahrelangem Umbau und kompletter Sanierung des Altbaus. Foster baute keinen Kontrast, er baute eine Ergänzung. Für ein Haus mit 130 Jahren Baugeschichte war das die richtige Entscheidung. Der neue Baukörper sitzt als schlichter, vergoldeter Kubus neben dem Historismus der Villa: glatte Flächen gegen Stuck, Gold gegen Terracotta. Was wie ein Widerspruch klingt, funktioniert im Alltag erstaunlich gut. Die Verbindung der Gebäudeteile ist im Inneren nahtlos. Wer vom Altbau in den Neubau wechselt, bemerkt den Übergang kaum, weil Wegeführung und Belichtung aufeinander abgestimmt sind. Kritiker, die lautstark vor einem Fremdkörper gewarnt hatten, sind nach der Eröffnung merklich leiser geworden.

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