Kaserne, Flugfähige Großgeräte, Kreativquartier: München baut sich neu
Zwischen 1931 und 1944 liefen auf diesem Gelände unzählige Getriebe für Jagdbomber vom Band. Davor schufteten um das Jahr 1900 über tausend Rüstungsarbeiter in Zwölf-Stunden-Schichten durch die Artillerie-Werkstätten. Das ist die andere Seite der Postkarte, die München gern von sich zeigt. Jahrzehnte Leerstand und wechselnde Zwischennutzungen haben die beiden denkmalgeschützten Industriehallen danach in einen Zustand gebracht, den man höflich als erbarmungswürdig bezeichnen kann. Jetzt rollt die Sanierung -- und wer sich das Gelände heute ansieht, merkt: die Transformation läuft, ist aber noch längst nicht fertig.
Die Jutierhalle und die Tonnenhalle, je rund 100 Meter lang und 1926 als Stahlbetonkonstruktionen errichtet, bilden das bauliche Herzstück des Projekts. Der Name der Jutierhalle kommt übrigens nicht von irgendeinem Herren Jutier -- hier wurden einst Wasserrohre mit Jute umwickelt. Die Dachfenster beider Hallen sind eines der prägenden Merkmale: großformatige Oberlichter, die dem Inneren trotz aller Vernachlässigung noch immer eine Lichtstimmung geben, die kein Neubau einfach so repliziert. Die Sanierung der Jutierhalle soll 2026 abgeschlossen sein, die Tonnenhalle folgt 2028 -- mit einer Mehrbelastung von rund sieben Millionen Euro, nachdem Nitratbelastungen im Stahlbeton festgestellt wurden, die den eingebetteten Stahl schlagartig zum Reißen bringen können. Insgesamt kostet die Sanierung beider Hallen rund 128 Millionen Euro.
Das Kreativquartier ist in vier Teilbereiche aufgeteilt: Kreativpark, Kreativlabor, Kreativplattform und das Kreativfeld. Im Kreativpark rund um die beiden Hallen entsteht das kulturelle Zentrum -- Konzerte, Ateliers, Gastronomie, ein Gründerzentrum. Das Kreativlabor am Leonrodplatz mischt Wohnen, Gewerbe, Soziales und Kultur. Die Hochschule für angewandte Wissenschaften bekommt im südlichen Kreativplattform-Bereich einen Campusneubau. Und im Kreativfeld sollen rund 385 Wohnungen entstehen, darunter eine Holzbausiedlung von Münchner Wohnen und drei Genossenschaften. Insgesamt sind dort mindestens 820 Wohnungen, eine Grundschule und öffentliche Grünflächen geplant -- auf einem Areal, auf dem die Stadt München nach eigenen Worten neue Wege bei der Stadtentwicklung gehen will. Ob das gelingt, wird sich zeigen, wenn die erste Halle aufmacht.
Was das Quartier schon heute prägt, ist die Streetart. Wer durch das Gelände geht, sieht großformatige Wandarbeiten, die nichts mit dekorativer Aufhübschung zu tun haben -- das ist eine gewachsene Szene, die hier seit Jahren ihren Platz hat und ihn verteidigt. Neben Grafiti auf Fassaden finden sich Kunstinstallationen, provisorische Ateliergebäude, Veranstaltungsorte wie die Halle 6. Eine inspirierende Atmosphäre -- das schreiben Tourismusseiten. Realistischer: Das Viertel ist roh, laut an manchen Ecken, und genau das ist der Grund, warum Kreative dort sind und nicht in irgendeinem aufgeräumten Gewerbehof am Stadtrand. Die Frage ist, ob das nach der Fertigstellung noch so bleibt oder ob der übliche Verdrängungsmechanismus greift, den man aus anderen sanierten Kulturquartieren kennt.
Das Gelände liegt stadtgeografisch günstig -- U-Bahn Josephsplatz oder Maillingerstraße, Tram 20/21 und 22. Wer mit dem Auto kommt und auf ein E-Kennzeichen hofft: Parken am Kreativquartier selbst ist begrenzt, die geplante Tiefgarage zwischen den beiden Hallen mit 93 Stellplätzen ist noch Baustellenzukunft. In der Umgebung gibt es Lademöglichkeiten, aber keine Supercharger in unmittelbarer Laufweite. Das Quartier ist zu Fuß von der Maxvorstadt aus in rund zwanzig Minuten erreichbar, vom Hauptbahnhof aus ähnlich. Wer das Gelände besucht, sollte keine fertige Sehenswürdigkeit erwarten -- eher eine Großbaustelle mit künstlerischen Zwischenmietern, einem Park im Entstehen und zwei Industriedenkmälern, bei denen man durch die alten Dachfenster schon ahnt, was drin steckt, wenn der Putz erst mal gefallen ist.


