Gelbe Kühe und blaue Pferde: Lenbachhaus München

Verfasst von: Stefan Siedler
Über die Welt hinaus
Über die Welt hinaus  Bild: Stefan Siedler
Wer das Lenbachhaus in München besucht, betritt kein gewöhnliches Museum. Die Villa, die Franz von Lenbach einst für sich selbst errichten ließ, beherbergt heute eine der bedeutendsten Sammlungen des deutschen Expressionismus. Der Blaue Reiter grüßt aus jedem Saal. Was auf den ersten Blick nach kultiviertem Münchner Bildungsbürgertum aussieht, erzählt beim zweiten Hinsehen von Diebstahl, Krieg und ungeklärten Besitzverhältnissen.

Was das Museum heute vor allem bekannt macht, ist seine Sammlung des Blauen Reiters. Wassily Kandinsky, Franz Marc, August Macke, Paul Klee: Die Expressionisten, die München und seine Umgebung in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg als Experimentierfeld nutzten, sind hier in beeindruckender Dichte versammelt. Franz Marc, 1880 in München geboren und 1916 vor Verdun gefallen, ist mit mehreren Werken vertreten. Sein Gemälde "Vögel" aus dem Jahr 1914 hängt heute ruhig an der Wand, als wäre nichts gewesen. Dabei hat dieses Bild eine Geschichte hinter sich, die alles andere als ruhig ist.

(Bild: Stefan Siedler)

1936 reiste „Vögel" noch als Leihgabe der Staatlichen Gemäldegalerie Dresden zu einer Gedächtnisausstellung in die niedersächsische Landeshauptstadt Hannover. Im August 1937 konfiszierte das NS-Regime das Bild, zusammen mit fast 150 weiteren Werken Franz Marcs aus deutschen Museen. Das „Gesetz über die Einziehung von Produkten entarteter Kunst" machte den Raub 1938 nachträglich offiziell. Im Juni 1939 versteigerte die Schweizer Galerie Fischer in Luzern das Gemälde für das Deutsche Reich, ganz offen und ohne Umschweife, gegen Devisen. Seit 1983 ist das Bild im Lenbachhaus und gehört seither fest zur städtischen Dauerausstellung. Das Gesetz von 1938 wurde erstaunlicherweise nach 1945 nie aufgehoben. Museen haben bis heute keinen gesetzlichen Anspruch auf solche Werke zurückzuklagen.

(Bild: Stefan Siedler)

Das Lenbachhaus zeigt mehr als Franz Marc allein. Wassily Kandinsky, der mit Marc den Almanach „Der Blaue Reiter" herausgab und der Gruppe ihren Namen gab, ist mit einer der bedeutendsten Werksammlungen weltweit im Haus. Das Lenbachhaus verdankt diesen Schatz vor allem Gabriele Münter, die 1957 ihren gesamten Nachlass stiftete und damit die weltweit größte Sammlung des Blauen Reiters an einen Ort brachte. Kandinskys Weg von der Figuration zur Abstraktion lässt sich hier Gemälde für Gemälde nachvollziehen. Neben ihm zeigt das Haus Werke von August Macke, Paul Klee, Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin. Die Gesamtsammlung umfasst rund 35.000 Kunstwerke, von denen immer nur ein kleiner Bruchteil gleichzeitig zu sehen ist.

(Bild: Stefan Siedler)

Das Gebäude selbst lohnt den Besuch schon vor dem ersten Exponat. Der florentinisch angehauchte Innenhof, der Rosengarten vor dem Haupteingang, die Raumfolgen des historischen Altbaus: Das ist Atmosphäre, die kein Neubau kaufen kann. Der Erweiterungsbau von Norman Foster, 2013 fertiggestellt, sitzt überraschend verträglich neben dem Historismus des 19. Jahrhunderts. Wer befürchtet hatte, ein Stararchitekt würde das gewachsene Ensemble zerstören, lag daneben. Die Kombination funktioniert besser als viele erwartet hatten. Eintritt kostet 15 Euro für Erwachsene, Kinder unter 18 Jahren zahlen nichts. Geöffnet ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr. Wer plant, sollte genug Zeit mitbringen. Das Haus lässt sich nicht in einer Stunde abhaken.

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