Erst der Stein, dann das Leid und am Ende ein Hauch von Avantgarde
Wer den Eingang in der Ehrenbürgstraße 9 in München-Neuaubing sucht, findet ihn nur, wenn er schon weiß, dass er suchen soll. Das Gelände liegt hinter Bäumen versteckt, am Rand einer Einfamilienhaussiedlung, dahinter nur noch Wiesen und die B2 Richtung Germering. Ein Ensemble gleichförmiger Steinbaracken, das wirkt, als hätte jemand die Uhr in den frühen 1940ern stehen lassen. Das ist keine künstlerische Absicht. Von Frühjahr 1942 bis 1945 diente das Gelände als Zwangsarbeiterlager der Reichsbahn. Bis zu 1.000 Frauen, Männer und Kinder, vor allem aus der Sowjetunion und Polen, schufteten hier im nahegelegenen Eisenbahnausbesserungswerk. Nach Kriegsende interessierte das kaum jemanden.
Als die Bahn das Gelände 1987 aufgab, kamen die Künstler. München bot wenig von dem, was Kreative brauchen: Platz, günstige Mieten, Ruhe vor Investoren. An der Ehrenbürgstraße gab es das alles in acht halbverfallenen Baracken. Dass diese ein ehemaliges Zwangslager waren, wusste man. Es war ein offenes Geheimnis. Wer darüber reden wollte, bekam den städtischen Rat, lieber nicht. So entstand etwas, das man in München nicht kaufen kann: eine Kolonie, die niemand bestellt hatte. Maler, Bildhauer, Handwerker. Das Gras wächst hoch, im Innenhof steht Baumaterial neben Skulpturen, aus den Werkstattfenstern kommt eine Geräuschkulisse, die mit Galerieluft nichts zu tun hat. Langjährige Bewohner vergleichen das Gelände mit einem Dornröschenschloss. Nicht romantisch gemeint. Irgendwann kommt immer jemand, der aufweckt. 2007 gründeten die Nutzer den Verein FAUWE, um das Ensemble zu erhalten.
Jetzt will München liefern. Baracken 2 und 5 sollen Außenstellen des NS-Dokumentationszentrums werden. Der Stadtrat beauftragte Ende 2022 die Sanierung bis 2025, alles Weitere bis 2027, mit über 32 Millionen Euro aus Bundes- und Landesprogrammen. Auf dem Papier klingt das gut. Auf dem Gelände sieht es anders aus. Das NS-Dokumentationszentrum gibt offen an: Das Gelände ist nur in Teilen zugänglich. Viele Baracken warten noch auf ihre Sanierung. Türen, Fenster und Holzböden aus den frühen 1940ern sind noch vorhanden, ihr Zustand verschlechtert sich stetig. Die Zeit, die das Ensemble eingefroren hat, arbeitet jetzt gegen es. Bauprojekte der Stadt München haben bekanntlich eine eigene Auffassung von Terminplanung. Die Künstler und Handwerker des FAUWE sollen nach der Sanierung zurückkehren dürfen.
Das Gelände hat nicht gewartet, bis die Stadt sie endlich fertig plant. Zwischen den Baracken hängen Kunstinstallationen. An Zäunen steht in Handschrift: "Wenn du mehr hast als du brauchst, baue einen größeren Tisch und nicht einen höheren Zaun." Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, aufgemalt auf Holz, angebracht von Amnesty International und den Künstlern des Vereins. Artikel 11: Unschuldsvermutung. Artikel 12: Schutz der Privatsphäre. Niemand hat das in Auftrag gegeben. Es ist über viele Jahre gewachsen. Wie ein Erinnerungsort und eine lebendige Kolonie auf 21.000 Quadratmetern gleichzeitig funktionieren sollen, wird die Praxis zeigen. Dieser Ort hat schon Schwierigeres überstanden. Fragt man die Baracken, sagen sie nichts. Aber sie stehen noch.


