Die Wahrheit über das Lügenmuseum: Kulturelles Juwel vor dem Aus

Verfasst von: Stefan Siedler
Lügenmuseum Radebeul
Lügenmuseum Radebeul  Bild: Natalia Siedler
Radebeul [SiSt24] Das Lügenmuseum Radebeul steht vor dem Aus – und mit ihm ein Lebenswerk, das Reinhard Zabka über Jahrzehnte aufgebaut hat. Nachdem die Stadt plötzlich auf Räumung klagte und das Landgericht Dresden das Urteil im November 2025 bestätigte, gehen Gründer Dorota und Reinhard Zabka jetzt einen unerwarteten Weg: sie bieten das international bekannte Museum dem Radebeuler Stadtrat als Schenkung an. Auf dem Spiel stehen mehr als Räume und Kunstwerke.

Der historische Gasthof Serkowitz in Radebeul beherbergt seit 2012 ein Museum der besonderen Art. Reinhard Zabka, unter dem Künstlernamen Richard von Gigantikow bekannt, hat in 17 Räumen eine Sammlung aufgebaut, die Kunstobjekte, Installationen und Zeugnisse der Nachwendezeit zu einer unverwechselbaren Wunderkammer verbindet. Über 90.000 Besucher aus aller Welt kamen seitdem. Das Lügenmuseum beschäftigt sich mit Selbsttäuschung, Manipulation und gesellschaftlicher Transformation – Stoff, der mitten in der Desinformationsdebatte nichts an Brisanz eingebüßt hat. Zabka, ehemaliger DDR-Dissident und Zeitzeuge zweier politischer Systeme, hat hier nicht nur ein Museum gegründet. Er hat ein Archiv seines Lebens errichtet. Doch nun bedroht eine Räumungsklage der Stadt Radebeul dieses Gesamtkunstwerk.

(Bild: Natalia Siedler)

Wie es dazu kam: Im Jahr 2024 kündigte die Stadt den bis dahin unbefristeten Mietvertrag – nach Darstellung der Betreiber ohne vorheriges Gespräch oder Verhandlungsangebot. Statt einer gemeinsamen Lösungssuche folgte die direkte Räumungsklage. Im November 2025 bestätigte das Landgericht Dresden die Entscheidung der Vorinstanz. Zabka und sein Team suchen seitdem nach Alternativen; seit 2013 wurden verschiedene Ausweichstandorte geprüft, keiner mit einem verwertbaren Ergebnis. Kaufinteressenten, die bereit gewesen wären, die Immobilie zu erwerben und das Museum langfristig zu sichern, sollen laut Betreiberangaben auf Hinhaltetaktik gestoßen sein. Pikant dabei: Die Stadt Radebeul hat über Jahre den Verfall des historischen Gebäudes geduldet, obwohl das Museum wiederholt Sanierungskonzepte vorlegte – und verwies in offiziellen Stellungnahmen auf „Gebäudeschäden" und „untragbare Sanierungskosten". Die Verantwortung allein auf den Betreiber abzuwälzen, sei nach Ansicht der Zabkas sachlich nicht haltbar.

(Bild: Natalia Siedler)

Was eine Räumung bedeutet, lässt sich nicht auf Quadratmeter reduzieren. Reinhard Zabka hat über 30.000 Stunden ehrenamtlicher Arbeit in das Museum investiert – Jahre seines Lebens, die in Objekte, Konzepte und Raumgestaltungen geflossen sind, die sich nicht einpacken und woanders hinstellen lassen. Die großformatigen Installationen sind auf den Gasthof Serkowitz zugeschnitten. Wer sie bewegen will, zerstört die meisten davon. Für Zabka ist das kein juristischer Vorgang. Es ist die drohende Auslöschung eines künstlerischen Lebenswerks, das über drei Jahrzehnte gewachsen ist und mit diesem Ort eine untrennbare Verbindung eingegangen ist. Als ehemaliger DDR-Dissident hat er erlebt, wie ein Staat Kulturgut systematisch vernichtet. Dass er nun zusehen soll, wie eine deutsche Kommunalverwaltung dasselbe tut, ist für ihn kaum zu fassen – und der Vergleich zur DDR dabei kein rhetorisches Mittel, sondern gelebte Erfahrung.

(Bild: Natalia Siedler)

Neben dem persönlichen Schaden droht ein kollektiver Verlust. Das Lügenmuseum beherbergt Arbeiten von über 500 Künstlerinnen und Künstlern – darunter mehrere Nachlässe und Vorlässe, also Werke, die Künstler dem Museum anvertraut haben, weil sie dort gut aufgehoben glaubten. Wo diese Werke bei einer Räumung landen würden, ist unklar. Viele Objekte sind nicht transportgerecht, andere rechtlich an den Standort gebunden. Die betroffenen Künstlerinnen und Künstler haben keine Stimme in diesem Verfahren – ihre Werke aber sind es, die im Zweifel als Erstes beschädigt werden. Hinzu kommen rund 500.000 Euro eingeworbene Fördermittel, die bei einer Räumung zumindest teilweise zurückgefordert werden könnten. Für den Trägerverein wäre das finanziell kaum zu stemmen. Es geht nicht nur um Kunst an Wänden – es geht um Vertrauen, das 500 Künstlerinnen und Künstler diesem Museum geschenkt haben.

(Bild: Natalia Siedler)

Vor diesem Hintergrund haben Dorota und Reinhard Zabka den Radebeuler Stadtrat mit einem formellen Schreiben konfrontiert. Ihr Angebot: das Lügenmuseum als Schenkung übergeben – als Gesamtkunstwerk, verbunden mit dem Ziel dauerhafter Sicherung, öffentlicher Zugänglichkeit und Weiterentwicklung. Die Idee stammte aus dem Freundeskreis des Museums; eine Unterstützerin hatte davon geträumt, das Museum als Geschenk an die Stadt zu übergeben. Hinter dem Angebot steht keine Kapitulation, sondern ein letzter Versuch, das Museum zu retten. Die Zabkas sind bereit, ihr Lebenswerk herzugeben – wenn das der Preis für seinen Erhalt ist. Im Schreiben bitten sie den Stadtrat ausdrücklich, die Fraktionen zu informieren und ernsthaft zu prüfen, ob Radebeul bereit ist, dieses kulturelle Erbe anzunehmen, dauerhaft zu sichern und weiterzuentwickeln.

(Bild: Natalia Siedler)

Ob der Stadtrat das Angebot annimmt, ist offen. Die bisherige politische Debatte in Radebeul hat wenig Spielraum für Lösungen dieser Art gezeigt. Doch die Zabkas sind nicht allein: Petitionen mit Tausenden Unterschriften, Solidaritätswellen aus dem In- und Ausland sowie breite Medienaufmerksamkeit zeigen, dass das Lügenmuseum weit mehr Rückhalt besitzt als eine lokale Kuriosität. Fachleute aus dem Kulturbereich haben sich wiederholt öffentlich für den Erhalt ausgesprochen. Was der Stadtrat jetzt entscheidet, wird Bestand haben – in den Stadtprotokollen und in der öffentlichen Wahrnehmung. Radebeul hat die Wahl: als Kulturstadt, die Vielfalt ernst nimmt und auch unbequeme Kunst schützt, oder als Verwaltungsapparat, der ein einzigartiges Museum mit einem Räumungsurteil beendet hat. Beides lässt sich nicht gleichzeitig sein.