20 Stufen in ein anderes Jahrhundert: die Kunst Oase
Der Eingang täuscht. Wer in der Hohenzollernstraße 58 klingelt, betritt zunächst eine Spiegelgalerie — schmal, verspiegelt, bereits vollgehängt. Was dahinter wartet, ist der Innenhof. Und der erste Hinweis darauf, womit man es zu tun hat: Objekte stehen draußen. Kronleuchter, Rahmen, Gefäße. Man fragt sich unwillkürlich, was bei Regen passiert. Wamsgans kennt die Antwort. Gestellt wird sie ihm oft genug. Durch die Exponate hindurch — nicht drum herum, sondern tatsächlich hindurch — führt dann die Treppe nach unten. Tiefer als erwartet, länger als sieben Stufen. Und unten ist es nicht etwa lichter.
330 m² Keller, und kein Zentimeter davon ungenutzt. Über 300 Lüster (wer auch immer das zählte) hängen an der Decke — Kristall, Messing, Glas, in allen Größen und aus allen Epochen. Wer aufschaut, verliert kurz den Überblick. Wer sich umdreht, riskiert den nächsten Verlust. Dazwischen: Bilderrahmen, Vasen, Harlekins, Standuhren, Geschirr, Spiegel, Kandelaber, Objekte ohne Kategorie. Jede Wand ist eine einzige Schaufläche. Die Böden sind mit Teppichen ausgelegt, der aussieht, als hätten sie die gesamte Nachkriegsgeschichte Schwabings mitgemacht — und vermutlich haben sie das auch. Die Kunst Oase ist wahrlich kein Ort, den man überblickt. Man erkundet ihn. Am besten langsam, ohne hektischen Drehungen mit Bedacht, und ohne ausladende Gesten. Tanzen ist trotz klassischer Musik aus dem Radio nicht erlaubt, außer bei Nachweis einer geeigneter aktuell gültiger Haftpflichtversicherung.
Auf Erdgeschossebene geht es weiter. Teils drinnen, teils draußen, teils in Bereichen, die ob offiziell oder nicht offiziell, nicht begehbar sind — was die Dichte der Objekte erklärt, nicht aber mildert. Das Angebot ist vollständig unkategorisierbar: Hier noch ein Prunkrahmen ohne Bild, dort ein Bild ohne Rahmen, dazwischen eine Standuhr, die möglicherweise noch geht. Manfred Wamsgans bietet neben dem Verkauf auch Reparaturservice an — Lüster werden neu verkabelt, geputzt, komplettiert. Wer einen Kronleuchter mitbringt, bekommt ihn zurück wie neu. Wer keinen hat, findet hier mit Sicherheit einen. Oder drei. Die Friseure von Schwabing wissen das seit Jahrzehnten. Der Rest der Stadt hat es längst geahnt, kommt aber trotzdem immer wieder überrascht an.
Wamsgans selbst sitzt irgendwo darin. Meistens in einer Ecke - wo auch immer diese Ecke sich befindet, denn sichtbar ist keine - meistens mit Pfeife, immer ansprechbar. Er führt kein Gespräch wie ein Verkäufer — eher wie jemand, dem der Laden gehört und der das auch ausstrahlt. Wer nur schaut, darf. Wer kaufen möchte, kann. Wer mit leeren Händen herauskommt, hat entweder außergewöhnliche Selbstdisziplin oder war einfach zu schnell zwischen den Exponaten. Die Kunst Oase ist seit 1984 eine geschichtsträchtige Schwabinger Institution. Sie war Filmkulisse, Fundgrube, Gesprächspartner. Besucher aus aller Welt hinterlassen Bewertungen, die zwischen ehrfürchtig und leicht überwältigt pendeln. Eine Yelp-Rezension warnt trocken vor Klaustrophobie. Die ist berechtigt — aber bei weitem kein Grund, der Kunstoase fernzubleiben.
Helmut Dietl ging die Stufen hier runter und hoch. Der Schwabinger Filmregisseur, dem München mehr verdankt als es zugibt, war expliziter Stammkunde. Er kaufte Kronleuchter — für Filme, für Wohnungen, vermutlich für beides. Dietl ist 2015 von uns gegangen, aber in der Kunst Oase hängen seine Lüster noch. Oder solche, die genauso aussehen. In einem Laden, in dem jedes Stück seine eigene Geschichte trägt und keine davon vollständig erzählt wird. Das ist das kein Zufall. Es ist das Prinzip. Wer die Kunst Oase betritt, betritt in kleinsten Schritten auch ein Stück Schwabinger Stadtgeschichte — auch wenn er nur einen Bilderrahmen sucht. Und wer Helmut Dietl mochte, schaut beim Rausgehen noch einmal nach oben. Nur zur Sicherheit.


