Wo sich nicht die Bühne dreht sich, sondern das Publikum...

Verfasst von: Stefan Siedler
Mühen für 6 Vorstellungen
Mühen für 6 Vorstellungen  Bild: Stefan Siedler
Lichtenau [SiSt24] Elf Spielorte, kein einziger Umbau: Der Theater- und Kulturverein Burgoberbach schickt sein Publikum in der Festung Lichtenau zu Fuß durch das Leben der Kaiserin Elisabeth. Die Bühnenarbeiter hatten Feierabend, bevor der erste Satz gesprochen war, ihre Arbeit war da schon getan. Elfmal. An diesem Wochenende laufen die letzten Vorstellungen.

Es gibt Theaterabende, an denen die Pause der heimliche Höhepunkt ist. Nicht wegen des Sekts, sondern weil man zuschauen darf, wie vier Männer in schwarzen T-Shirts eine Wand über die Bühne wuchten und dabei so tun, als sähe man sie nicht. In Lichtenau fällt das aus. Die Bühnenarbeiter des Theater- und Kulturvereins Burgoberbach hatten Feierabend, bevor der erste Satz gesprochen war. Ihre Arbeit war zu diesem Zeitpunkt längst erledigt. Elfmal. Auf den Spuren von Elisabeth nennt der Verein einen Theaterspaziergang, und das ist wörtlich gemeint. Nicht das Bühnenbild wechselt, sondern das Publikum. Elf Stationen, verteilt über das Festungsgelände, bestätigte der Verein im Gespräch.

Festung Lichtenau, Ort einer ungewöhnlichen Aufführung (Bild: Stefan Siedler)

Wer an der nächsten ankommt, findet die Darsteller schon vor: in Position, im Kostüm, wartend. Ein Stück, in dem sich keine Drehbühne bewegt, sondern die Erde unter den Zuschauern. Der Weg führt von der unbeschwerten Jugend in Bayern über den Wiener Hof bis nach Genf, wo 1898 alles endet. Über 50 Darstellerinnen und Darsteller sind beteiligt. Der Verein warnt vorab, und das nicht aus Koketterie: Suizid, Mord und Prostitution kommen vor, empfohlen ist der Abend für Erwachsene. Abgeschreckt hat der Hinweis niemanden. Hundert Karten waren zwei Wochen vor dem ersten Spieltermin verkauft. Gespielt wird in der Festung Lichtenau, Von-Heydeck-Straße 1. Der Innenhof misst rund 7000 Quadratmeter, und an diesem Wochenende wird er zum letzten Mal bespielt. Danach ist er wieder das, was er vorher war: ein leerer Innenhof.

(Bild: Stefan Siedler)

Elf Spielorte heißt elf Bühnen, elf Hintergrundwände, elf Aufbauten. Dazu ein Schiff, und zwar kein angedeutetes: Rumpf aus gehobelten Bohlen, Mast, gerefftes Segel an der Rah, Wanten aus Tauwerk mit hölzernen Sprossen, dazu ein Achterdeck mit Balustrade, Steuerrad und Schiffsglocke. Gebaut für zwölf Vorstellungen an sechs Abenden. Danach kommt der Akkuschrauber und dreht alles wieder zurück. Ein Stadttheater würde für so etwas eine Machbarkeitsstudie beauftragen, einen Fördertopf anzapfen und eine Pressekonferenz zum Baubeginn geben. Hier haben Leute nach Feierabend Latten gesägt, ohne Bauantrag und ohne Bauleitung. Der Aufwand hinter dieser Konstruktion ist die eigentliche Geschichte des Abends, auch wenn ihn im fertigen Stück niemand mehr sieht. Genau darin liegt der eigentliche Reiz dieses Abends.

(Bild: Stefan Siedler)

Das ist kein romantisches Klischee über das Ehrenamt, das ist schlicht die Rechnung: Materialkosten, Wochenenden, Urlaubstage, für zwölf Aufführungen an zwei Wochenenden im Juli und August. Danach ist der Innenhof wieder ein Innenhof. Wer sich fragt, warum jemand das tut: Es gibt keinen vernünftigen Grund. Es gibt nur Leute, die im Frühjahr anfangen, Texte zu lernen, Kostüme zu nähen und Hintergrundwände zu grundieren, und die im Juli mit Blasen an den Händen dastehen und sich freuen. Herzblut ist ein abgegriffenes Wort. In Lichtenau steht es in elf Aufbauten herum und fährt am Montag danach wieder auf den Anhänger. Und im nächsten Frühjahr fängt derselbe Verein von vorne an, in wechselnder Form, in derselben Festung.

(Bild: Stefan Siedler)

Weltweit einmalig? Die Frage stand im Raum, also habe ich nachgesehen, und die ehrliche Antwort lautet: Stationentheater ist kein Lichtenauer Patent. In Mödling bei Wien bespielt das Theater im Bunker seit 1999 ein 930 Meter langes Stollensystem, alle 15 Minuten geht dort eine Gruppe los und trifft unterwegs auf ein Ensemble von rund 60 Spielern. In Kastellaun im Hunsrück führten die Sponheimer ihr Publikum über sechs Stationen. In Burghausen gab es Freilicht-Stationentheater im Comic-Format. Das alles macht Lichtenau kleiner? Im Gegenteil, es macht den Maßstab erst sichtbar. Denn wer die Vergleiche kennt, sieht auch, unter welchen Bedingungen hier gearbeitet wurde. Der Unterschied liegt nicht im Format selbst, sondern in den Voraussetzungen, unter denen es entsteht.

(Bild: Stefan Siedler)

Mödling spielt in einem Stollen, der ganzjährig zur Verfügung steht, betrieben von einem professionellen Theaterbetrieb mit Intendanz. Kastellaun kam auf sechs Stationen. Lichtenau kommt auf elf, gebaut von einem Laienverein, für sechs Abende, in einer Festung, die vorher leer war und hinterher wieder leer ist. Wer das Format kennt, weiß erst richtig, was hier geleistet wird. Und der Verein wiederholt es, jeden Sommer, in wechselnder Form, in derselben Festung. Naheliegend wäre in diesem Jahr Elisabeth gewesen, das Musical von Michael Kunze und Sylvester Levay, 1992 im Theater an der Wien uraufgeführt. Die Truppe hätte es gern gespielt. Daraus wurde nichts, und zwar aus einem sehr handfesten Grund, der mit Rechten zu tun hat.

(Bild: Stefan Siedler)

Die Rechte liegen bei den Vereinigten Bühnen Wien, die das Stück international selbst lizenzieren, und der Weg für eine Laienbühne führt dort bestenfalls durch eine sehr enge Tür. Statt sich in dieser Grauzone zu bewegen, hat der Verein das Leben Elisabeths selbst erzählt und eine eigene Fassung geschrieben. Das ist juristisch sauber und dramaturgisch der interessantere Weg. Eine Drehbühne hätte man für das Musical ohnehin nicht gehabt. Was dabei herauskam, ist keine Notlösung, sondern ein Abend, der ohne die Vorlage auskommt und dafür die Festung selbst zur Bühne macht. Elf Stationen, ein Weg, und ein Publikum, das ihn zu Fuß geht. Mehr Bühnenbild braucht dieser Stoff am Ende offenbar gar nicht.

(Bild: Stefan Siedler)

Nach dem ersten Block vom 24. bis 26. Juli laufen an diesem Wochenende die letzten Vorstellungen: Freitag und Samstag jeweils um 18 und 20.30 Uhr, Sonntag um 17 und 19.30 Uhr. Der Eintritt kostet 21 Euro, der Vorverkauf lief seit dem 13. Juni über die Vereinsseite tuk-bob.de. Gespielt wird in der Festung Lichtenau, Von-Heydeck-Straße 1. Wie bei jedem Freilichttheater gilt: Das Wetter spielt mit oder eben nicht. Wer kommt, sollte festes Schuhwerk einpacken. Man legt an diesem Abend schließlich selbst den Weg zurück, den in jedem anderen Theater die Kulissen machen. Die Bühnenarbeiter haben ihren Teil davon längst hinter sich. Ihre Wände stehen seit Wochen an Ort und Stelle und bleiben dort bis Montag.