Wo der Chinesische Turm neben der Pagode hängt

Verfasst von: Stefan Siedler
Ein Besucher betrachtet die Bildpaare des Camera-Club 77 in der Mohr-Villa in München-Freimann.
Ein Besucher betrachtet die Bildpaare des Camera-Club 77 in der Mohr-Villa in München-Freimann.  Bild: Stefan Siedler
Ein chinesischer Pagodenturm, daneben der Chinesische Turm aus dem Englischen Garten. Mit solchen Bildpaaren hat der Camera-Club 77 am Donnerstagabend, 22. Oktober 2026, seine Ausstellung „Im Spiegel der Kulturen“ in der Mohr-Villa in München-Freimann eröffnet. Bis 29. November zeigen die Vereinsfotografen Begegnungen zwischen China und Bayern. In weiteren Räumen waren Arbeiten der Münchner Künstlerin Susanne Augstburger zu sehen.

Der Camera-Club 77 entstand 1977 unter dem Dach der Volkshochschule im Norden des Landkreises München und zählt nach eigenen Angaben über 80 Mitglieder. Arbeitsgruppen für Makro, Reportage, Außenaufnahmen und digitale Bildbearbeitung bestimmen den Vereinsalltag. Für Freimann haben die Mitglieder ein klares Prinzip gewählt: Motive aus beiden Kulturräumen hängen nebeneinander und kommentieren sich gegenseitig. Gerahmt sind alle Abzüge einheitlich in Passepartouts. Jedes Bild trägt ein Schild mit Fotograf, Titel und Thema, dazu eine Kontaktadresse. Das Plakat am Eingang kündigt „Fotografische Begegnungen zwischen China und Bayern“ an. Die Hängung nimmt diesen Untertitel wörtlich, und genau darin liegt ihr Reiz.

Irmi Wurdack: „Terrakotta Armee“, zu sehen in der Ausstellung „Im Spiegel der Kulturen“

Am stärksten wirken jene Arbeiten, die mit Masse und Wiederholung spielen. Irmi Wurdack zeigt die Terrakotta-Armee als dichtes Gedränge aus Gesichtern, seitlich angeleuchtet, sodass jeder Krieger eine eigene Physiognomie bekommt. Ein weiteres Bild rückt die tönernen Pferde samt Wagenlenker vor schwarzen Grund und isoliert sie wie Museumsstücke. Karl-Heinz Wagner liefert eine der humorvollsten Aufnahmen der Schau: Ein Makak sitzt im Zhangjiajie-Nationalpark ausgerechnet auf dem Warnschild, das Besucher auf Abstand zu den Affen halten soll. Die Inschrift erklärt die Tiere zweisprachig für sehr niedlich und zugleich für Taschendiebe. Daneben ragen die Sandsteinsäulen desselben Parks aus dem Dunst. Wer China nur aus Nachrichtenbildern kennt, bekommt hier ein anderes Repertoire, gesehen mit dem geduldigen Blick von Reisenden, die sich Zeit für ein Motiv genommen haben.

Den eigentlichen Witz der Ausstellung verraten die Paare. Das Pekinger Olympiastadion, wegen seines Stahlgeflechts als Vogelnest bekannt, hängt neben einer Aufnahme des Münchner Olympiaturms, bei der eine Stahlkonstruktion den Vordergrund bildet. Die nächtliche Skyline von Pudong in Shanghai trifft auf ein beleuchtetes Volksfest mit Riesenrad. Das Marmorschiff im Pekinger Sommerpalast und rote Palastmauern stehen Schloss Nymphenburg mit seiner Spiegelung im Kanal gegenüber. Die Paare behaupten keine Gleichheit. Sie zeigen, dass beide Seiten repräsentative Bauten, Freizeitorte und Sehnsuchtsmotive kennen, und überlassen den Vergleich dem Betrachter. Auf Texttafeln zu den einzelnen Paarungen verzichtet die Hängung, die Schilder nennen nur Titel und Thema. Ein Bildschirm auf einem Stehtisch ergänzt die gerahmten Abzüge. Wer die Räume abschreitet, liest die Ausstellung deshalb am besten paarweise, von links nach rechts.

Zwischen den Sehenswürdigkeiten hängen Alltagsszenen, und dort wird die Schau ehrlicher. Ein Mann zieht ein Bierfass auf einer Sackkarre an einem roten Stadtrundfahrtbus vorbei, ein Bild, das Münchner Klischees vorführt und zugleich bricht. Ein Pferdegespann mit Schimmeln zieht durch eine Straße voller Zuschauer, an anderer Stelle liegen gerupfte Hühner auf einer Marktwaage in China. Frauen in roten Gewändern mit Schirm und eine Frau in Weiß mit gezogenem Schwert tauchen mehrfach auf, inszeniert vor historischer Kulisse. Diese Porträts bedienen ein Bild von China, wie es auch Reiseprospekte pflegen. Der Kontrast zum Marktstand nebenan macht sichtbar, wie sehr Fotografie zwischen Inszenierung und Beobachtung pendelt. Die Ausstellung löst diese Spannung nicht auf. Sie stellt sie aus, und das ist mehr, als viele Reisefotoschauen leisten.

Unabhängig von der Fotoausstellung waren im Gewölbesaal und im angrenzenden Saal Arbeiten von Susanne Augstburger zu sehen. Die Künstlerin ist der Mohr-Villa seit Jahrzehnten verbunden. Laut Archiv des Hauses stellte sie zwischen 1998 und 2010 dreimal allein aus und gewann 2010 beim Wettbewerb „FFF Oktoberfest“ den Publikumspreis. 2018 zeigte sie hier ihre Reihe „Bunt auf Bunt“. Ihre Gouachen arbeiten mit Spiralen, Schnörkeln und harten Konturen, die Farbe sitzt deckend und präzise. In einem Selbstporträt von 2020 mit dem Titel „Meine Wenigkeit“ verdichtet sie das Verfahren. Die Tafel daneben spricht von Überladung und Selbstironie, eine digitale Schwarzweiß-Nachzeichnung legt die Kreisbahnen frei, die das Bild zusammenhalten. Am Flügel im hinteren Saal spielte während des Abends eine Pianistin, Besucher bewegten sich zwischen den gerahmten Werken.

Augstburger beschränkt sich nicht auf das Tafelbild. Für „Die Einzigartigen“ von 2024 hat sie gefundene Kleinteile zu Miniaturfiguren montiert, im Sonnenlicht fotografiert und die Aufnahmen digital auf den Hintergrund ihrer Gouache „Lollipop“ gesetzt, gedruckt auf Acryl. Die Serie „A Pretty Girl“ entstand nach Auskunft ihres Begleittextes als Experiment mit digitalen Sammlerobjekten auf Blockchain-Basis. Eine Raupe aus einem älteren Motiv wandert darin durch wechselnde Farben und Hintergründe. Die Werkgruppe „Herzrhythmus“ geht auf eine Gouache von 1998 zurück. Auf Fensterbänken und Sideboards liegen Postkarten, Schlüsselanhänger, Tassen und Stoffbeutel mit ihren Motiven, sogar ein Rollkoffer mit ihrer typischen Ornamentik steht im Raum. Das wirkt geschäftstüchtig. Zugleich finden die farbenreichen Motive damit ihren Weg auf Alltagsgegenstände, vom Stoffbeutel bis zum Rollkoffer.

(Bild: Stefan Siedler)

Der Ort selbst erzählt mit. Auf dem Gelände stand laut Infotafel im Haus zuvor der „Freimanner Wirt“. 1872 machte Regierungsrat Franz Junge daraus ein Gut, 1885 kaufte es Christian Walther Mohr und gab ihm den Familiennamen. Ab 1925 gehörte das Anwesen der Reichsbahn, die dort Mitarbeiter wohnen ließ. Als die Bahn das Grundstück überbauen wollte, formierte sich Widerstand, 1992 entstand daraus der Verein Mohr-Villa Freimann. Ein Jahr später kaufte die Stadt München das Anwesen und übergab es dem Verein. Heute fördert das Kulturreferat das Haus an der Situlistraße. Für den Vernissageabend verzeichnete der Veranstaltungskalender außerdem ein Dialogcafé, ein offenes Atelier und einen Bollywood-Tanzkurs. Die Fotoausstellung läuft bis 29. November 2026. Auch der Garten verdient Aufmerksamkeit: Dort leuchten farbige Lichtobjekte zwischen alten Bäumen.