Kennst du einen, kennst die anderen überhaupt nicht ...

Verfasst von: Stefan Siedler
Perscheid-Figur mit Pusteblume
Perscheid-Figur mit Pusteblume  Bild: Natalia Siedler
Frankfurt (Main) - SiSt24: Perscheid. Glatzköpfige Männchen, dicke Brillen, Knollennasen. Wer einen kennt, glaubt, alle zu kennen. Weit gefehlt. Das Caricatura Museum Frankfurt hat dem Kult-Cartoonisten eine große Einzelausstellung gewidmet, noch bis 7. Juni 2026. Wer danach liest: Der Bildband ist noch da. Und Perscheid sowieso.

Ein rücksichtsloser Zeitgenosse bei laufendem Motor. Die Abgase, die er damit produziert, atmen die anderen ein - Fußgänger, Kinder, alle außer ihm. In Perscheids Welt wird das kurzerhand korrigiert: Die Abgase landen direkt in seiner eigenen Nase. "Das Ganze wäre für Sie weit weniger schlimm, wenn Sie endlich den Motor abstellen würden." Verkehrswoche mit Captain Benimm, Tag 5. Oder: Der Wissenschaftler hält ein Schild hoch. "Der Mond leuchtet nicht von selbst, er reflektiert das Sonnenlicht. Wissen kann Leben retten." Im nächsten Bild macht jemand ein Selfie direkt an der Abbruchkante. Das ist Perscheid. Man braucht keinen zweiten Satz dazu. Und das ist vielleicht das Einzige, was man über wissen muss.

(Bild: Natalia Siedler)

Das Caricatura Museum Frankfurt am Weckmarkt hat dem 2021 an Krebs gestorbenen Cartoonisten eine große Einzelausstellung gewidmet. "Das kann nur Perscheid. Das Beste aus Perscheids Abgründen" lautet der Titel, und das ist für ein Kulturinstitut ungewöhnlich präzise formuliert. Kuratorin Stefanie Rohde bringt es auf den Punkt: Man schaue mit Perscheids Cartoons lachend in unermessliche Tiefen, bevor man merkt, worüber man da eigentlich lacht. Wer bis zum 7. Juni 2026 nach Frankfurt kommt, sieht es live: dienstags bis sonntags, 11 bis 19 Uhr, 8 Euro Eintritt, 4 Euro ermäßigt. Wer dieses Datum verpasst: Der Ausstellungsband im Lappan Verlag ist danach noch verfügbar. Perscheid hat es nicht nötig, nur während der Öffnungszeiten zu funktionieren.

(Bild: Natalia Siedler)

Martin Perscheid wurde 1966 im rheinischen Wesseling geboren. 1970 klebte sein Vater eine Zeichnung des damals Vierjährigen auf die Witzseite der Wochenendbeilage des Kölner Stadtanzeigers. Zwischen welchen Erwachsenenwitzen, ist nicht überliefert. Perscheid machte eine Ausbildung zum Grafiker und wurde danach der, der er war: die schärfste Nase im deutschen Cartoon-Geschäft, buchstäblich. Seine Serie "Perscheids Abgründe" erschien über Jahrzehnte in mehr als über 50 Tageszeitungen und Zeitschriften, 2002 bekam er den Max & Moritz-Preis. Am 16. Februar 2026 wäre er 60 Jahre alt geworden. Das Caricatura Museum hat die Ausstellung genau aus diesem Anlass eingerichtet. Perscheid selbst hätte dazu vermutlich eine Zeichnung gemacht, in der jemand zu spät zur eigenen Geburtstagsfeier eintrifft.

(Bild: Natalia Siedler)

Die Ausstellung zeigt die ganze Bandbreite: Frühwerke, in denen schon alles steckt, was später kam. Spätere Cartoons, die noch präziser zählen. Und einiges, das vorher nie öffentlich zu sehen war. Dazu Installationskunst, die Perscheid gemeinsam mit seinem Freund und Kollegen Dirk Schmitt schuf - Arbeiten, die zeigen, dass Perscheid nicht nur mit dem Stift dachte. Und dann steht da Perscheids geliebte Honda CB 450, Baujahr 1966, ein Jahr älter als die meisten seiner Witze, selbst restauriert, als Exponat im Museum. Perscheid war Motorradfahrer, Schrauber und Zeichner - in dieser Reihenfolge oder einer anderen, je nach Tag. Wer das nicht wusste, liest seine Cartoons danach mit einem anderen Blick. Nicht besser, aber genauer.

(Bild: Natalia Siedler)

Zehn Gehminuten vom Caricatura entfernt läuft eine Kooperation mit dem Archäologischen Museum Frankfurt. Museumsdirektor Dr. Wolfgang David, nach eigenem Bekunden ein langjähriger Perscheid-Fan, hat 31 Cartoons thematisch in die Dauerausstellung eingebettet. Die Auswahl konzentriert sich auf Perscheids Blick auf Archäologie, Antike und Evolution. Perscheid-Zeichnungen treten dort in Dialog mit echten archäologischen Objekten - Amphoren, Artefakte, Jahrtausende alte Funde. Wie das ausgeht, lässt sich ungefähr erahnen. Die Amphoren ziehen dabei nicht immer den Längeren, aber sie stehen still dabei, was ihnen einen kleinen Vorteil verschafft. Wer beide Häuser besucht, bekommt mit der Caricatura-Eintrittskarte ermäßigten Eintritt im Archäologischen Museum. Das liegt in der Karmelitergasse 1, dienstags und donnerstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr, mittwochs bis 20 Uhr.

(Bild: Natalia Siedler)

Perscheids Figuren tragen dicke Nasen, Glatzen und Brillen, hinter denen man die Augen nicht sieht. Einen Mund haben nur die, die gerade sprechen müssen. Der Rest schweigt. Das System ist bekannt, der Witz trotzdem jedes Mal neu. Seine Figuren stolpern über die Selbstverständlichkeiten des Alltags - Gebrauchsanweisungen, Verkehrsregeln, das Sonnensystem - und lachen dabei nie. Die Komik entsteht immer woanders, meistens dort, wo man gerade noch nicht hingeschaut hat. Kurz bevor man begreift, worüber man lacht, lacht man bereits. Perscheid hat das über Jahrzehnte hinweg mit bemerkenswerter Gleichmäßigkeit hinbekommen. Wer glaubt, einen Perscheid-Cartoon zu kennen, kennt noch lange nicht den nächsten. Deshalb der Titel dieses Artikels, der keiner weiteren Erklärung bedarf: Kennst du einen, kennst die anderen überhaupt nicht.