Die einzige Oase, in der Beton nach Heimat riecht! Borstei München
Bernhard Borst war kein Architekt. Er war Unternehmer, und er dachte beim Wohnungsbau wie einer. In der Weimarer Republik herrschte in München erhebliche Wohnungsnot; Borst sah darin eine Aufgabe und eine Gelegenheit. Ab 1924 ließ er in Moosach eine Anlage errichten, die nicht nur Wohnungen bieten sollte, sondern ein vollständiges Alltagsleben: Läden, Handwerksbetriebe, eine Kirche, eine Post. Das Konzept hatte einen Namen, der heute aus der Zeit gefallen wirkt: Gartenstadt. Gemeint war eine Siedlung, dicht genug zum Funktionieren und grün genug zum Leben. Die Borstei war beides.
Wer die Borstei betritt, wechselt die Epoche. Die Gebäude folgen dem Heimatstil, einer Architektursprache, die in Bayern der 1920er Jahre bewusst gegen Modernismus und Industrieästhetik gesetzt wurde. Türmchen, Erker, Dachgauben, Innenhöfe: Die Anlage sieht aus, als hätte jemand eine oberbayrische Kleinstadt des 17. Jahrhunderts sorgfältig verkleinert und nach München verpflanzt. Das klingt nach Kitsch. Es ist keiner. Die Proportionen stimmen, die Materialien sind hochwertig, und die Gesamtanlage hat eine innere Logik, die sich erst beim Durchlaufen erschließt. Wer von einem Hof in den nächsten schlendert, begreift, dass hier kein Bühnendekor entstand, sondern ein durchdachter Stadtgrundriss im Kleinen. Eingetragen als Baudenkmal ist die Borstei seit Jahrzehnten. Die Bewohner nehmen das ernst.
Die Borstei ist kein Museum. Rund 2.000 Menschen wohnen hier, in Wohnungen, die nach heutigen Maßstäben nicht groß sind, aber nach Münchner Verhältnissen erschwinglich geblieben sind. Der Borstei-Verein organisiert das Gemeinschaftsleben: Es gibt Veranstaltungen, Märkte und einen Weihnachtsmarkt, der in keinem ernsthaften Stadtführer fehlen sollte. Das alles klingt nach Idylle, und ein bisschen ist es das auch. Gleichzeitig ist die Borstei ein Wohnort mit echten Mietern, echten Nachbarschaftskonflikten und einer Hausverwaltung, die über die Denkmalpflege wacht. Wer hier einzieht, verpflichtet sich stillschweigend zu einem Gemeinschaftsgedanken, der in anderen Münchner Stadtteilen nicht mehr existiert. Das schreckt Menschen ab, die Anonymität gewohnt sind. Die meisten, die einmal eingezogen sind, ziehen nicht mehr aus.
Die Borstei findet man, wenn man sie sucht. Moosach liegt außerhalb der Münchner Touristenrouten, und das ist auch schließlich gut so. Wer mit der U-Bahn in den Nordwesten Münchens fährt und ein paar Minuten zu Fuß läuft, steht plötzlich vor Toren und Durchfahrten, die in eine andere Zeit führen. Eintritt gibt es keinen. Die Borstei ist kein Museum, sie ist eine Wohnadresse. Das bedeutet: Schlendern ja, Lärm nein. Wer das respektiert, ist herzlich willkommen. Führungen bietet der Borstei-Verein an, die geben den tieferen Einblick in Geschichte und Entstehung. Wer einfach so kommt, sieht genug. Im Dezember ist der Weihnachtsmarkt zu voll für die Anlage. Im April ist die Borstei besser.


