Wenn das Parken im Park zur Hauptattraktion wird

Verfasst von: Stefan Siedler
Schloss Reichenschwand
Schloss Reichenschwand  Bild: Natalia Siedler
SiSt24 Media - Reichenschwand: Zum vierten Mal verwandelte sich der Schlosspark von Reichenschwand am 5. Juli in ein Freilichtmuseum auf Rädern. Das Festival of Classic Cars, Sommerableger der Retro Classics Bavaria, lockte Klassiker vom Vorkriegsjuwel bis zum Youngtimer ins Nürnberger Land. Zwischen Picknickdecken und Pokalen zeigte sich dabei auch die weniger glamouröse Seite alter Technik: Manches Schmuckstück markierte sein Revier mit ein paar Tropfen Öl.

Wer am Sonntagvormittag über die B14 Richtung Hersbruck fuhr, konnte sich die Zielführung sparen: Es genügte, dem Blubbern der Vergasermotoren zu folgen. Schloss Reichenschwand, sonst Hotel und Tagungsort, wurde für einen Tag zur Bühne für automobile Zeitgeschichte. Der Veranstalter, die Retro Messen GmbH aus Stuttgart, versteht das Festival als sommerliches Gegenstück zur Retro Classics Bavaria, die vom 6. bis 8. November wieder in Nürnberg stattfindet. Das Konzept ist bewusst niederschwellig gehalten: Besucher ohne Fahrzeug zahlen keinen Eintritt, wer mit Klassiker anreist, wählt zwischen entspannter Parkplatzrunde und dem Concours d'Elégance mit Jurybewertung. Genau diese Mischung macht den Reiz aus.

(Bild: Natalia Siedler)

Die Kulisse trägt einen guten Teil zum Charakter des Treffens bei. Zwischen altem Baumbestand und Schlossfassade standen die Fahrzeuge nicht in Reih und Glied wie auf einem Messeparkplatz, sondern locker über die Wiesen verteilt. Wer wollte, breitete die Picknickdecke direkt neben dem eigenen Wagen aus, Foodtrucks übernahmen die Verpflegung. Im Vorjahr kamen über 200 Klassiker in den Park, und auch diesmal dürfte kaum ein Jahrzehnt der Automobilgeschichte gefehlt haben. Vorkriegsfahrzeuge parkten neben Wirtschaftswunder-Limousinen, englische Roadster neben italienischen Sportwagen, dazwischen immer wieder Youngtimer, die mancher Besucher noch aus dem eigenen Alltag kennt. Genau diese Bandbreite unterscheidet das Format von markengebundenen Treffen: Hier diskutiert der Bentley-Besitzer mit dem Käfer-Fahrer über Zündkerzen, und beide haben recht.

(Bild: Natalia Siedler)

Kern des Nachmittags war der Concours d'Elégance. Eine Fachjury nahm die angemeldeten Fahrzeuge nach festen Kriterien unter die Lupe, von der Originalität über den Pflegezustand bis zur Stimmigkeit des Gesamtauftritts. Die Sieger der einzelnen Kategorien erhielten Pokal und Urkunde, im Vorjahr wurden auf diese Weise zwölf Fahrzeuge ausgezeichnet. Interessant zu beobachten war, wie unterschiedlich die Besitzer mit der Bewertung umgingen. Während einige noch Minuten vor der Jurybegehung mit dem Mikrofasertuch über Chromstoßstangen wischten, lehnten andere entspannt am Kotflügel und ließen die Patina für sich sprechen. Beide Haltungen haben ihre Berechtigung, denn ein Klassiker mit Gebrauchsspuren erzählt oft mehr Geschichte als ein makelloses Ausstellungsstück, das seit der Restaurierung keinen Regentropfen mehr gesehen hat.

(Bild: Natalia Siedler)

Apropos Patina: Wer den Blick von den Chromleisten auf den Boden senkte, machte eine Beobachtung der anderen Art. Öltropfen unter altem Blech sind normal, denn Kork- und Filzdichtungen, einfache Wellendichtringe und Motorkonstruktionen aus einer Zeit, in der ein tropfender Motor niemanden störte, sorgen dafür, dass viele Klassiker ihr Revier markieren. Der alte Spruch, ein englisches Auto verliere kein Öl, es kennzeichne nur seinen Standplatz, hat einen wahren Kern. Umso mehr fiel auf, dass Auffangwannen und Bindematten unter den abgestellten Fahrzeugen praktisch nicht zu entdecken waren. Auf Asphalt wäre das ein Schönheitsfehler, auf einer Schlosswiese ist es mehr als das, denn Öl im Boden bleibt Öl im Boden. Hier hätten Teilnehmer wie Veranstalter der schönen Kulisse zuliebe nachlegen können.

(Bild: Natalia Siedler)

Gegen Nachmittag rollten die ersten Klassiker wieder vom Gelände, standesgemäß mit etwas Anlasserorgel und blauen Wölkchen aus dem Auspuff. Wer den Termin verpasst hat, bekommt im Herbst Nachschlag: Die Retro Classics Bavaria öffnet vom 6. bis 8. November die Hallen der Messe Nürnberg und bringt das Thema unter Dach, mit Händlern, Teilemarkt und Clubständen. Das Festival in Reichenschwand bleibt trotzdem die charmantere Variante des Konzepts. Kein Hallenlicht kann einem sechzig Jahre alten Blechkleid so schmeicheln wie tiefstehende Julisonne, und kein Messeteppich riecht nach frisch gemähtem Gras. Man darf davon ausgehen, dass die fünfte Auflage im kommenden Sommer folgt, der Zuspruch jedenfalls spricht dafür. Für Kurzentschlossene lohnt sich der Blick in den Veranstaltungskalender der Retro Messen ohnehin, dort finden sich über das Jahr verteilt weitere Formate dieser Art.

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