Wird die junge Generation im Ernstfall in den Krieg ziehen?

Verfasst von: Gisbert Kühner
großer Zapfenstreich
großer Zapfenstreich  Bild: BMVG.de
Ob junge Menschen in Deutschland im Kriegsfall wieder in den Krieg gezogen werden müssten, ist schon lange keine rein theoretische Frage mehr. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 hat sich die sicherheitspolitische Lage in Europa grundlegend gewandelt. Die Bundesregierung reagierte darauf mit einer umfassenden Reform des Wehrdienstes. Aber was bedeutet das konkret für die junge Generation, und wie wahrscheinlich ist eine tatsächliche Einberufung?

Nach 1945 hat Deutschland ein Selbstbild entwickelt: Nie wieder Krieg, nie wieder Zwangseinsätze junger Menschen an der Front. Die Aussetzung der Wehrpflicht 2011 wurde von vielen als entscheidender Schritt in eine Phase gewertet, in der militärische Konflikte weit entfernt schienen. Wir haben uns sicher gefühlt, in der Hängematte der Nato und der USA. Diese Sicherheit ist jedoch brüchig geworden. Die Bundesregierung plant, bis 2035 eine Truppenstärke von 460.000 Soldatinnen und Soldaten zu erreichen – einschließlich aktiver Kräfte und Reserven. Dieses Vorhaben ist ohne strukturelle Veränderungen kaum realisierbar. Die neue Realität: Fragebogen, Musterung, Bedarfswehrpflicht Mit dem Wehrdienst‑Modernisierungsgesetz, das ab 2026 greift, kehrt ein Stück Wehrpflicht zurück.

Die neue Realität: Fragebogen, Musterung, Bedarfswehrpflicht. Mit dem Wehrdienst‑Modernisierungsgesetz, das ab 2026 greift, kehrt ein Stück Wehrpflicht zurück – allerdings in einer neuen Form. 1. Freiwilligkeit bleibt der Grundsatz Alle 18‑Jährigen erhalten einen Fragebogen. Männer müssen ihn ausfüllen, Frauen können. Der Dienst selbst bleibt freiwillig. 2. Musterung ab 2027 – aber nur für Männer Ab Jahrgang 2008 wird die Musterung wieder verpflichtend. Das bedeutet: körperliche Untersuchung, Erfassung der Tauglichkeit – aber keine automatische Einberufung. 3. Einberufung nur im Ausnahmefall Erst wenn Freiwillige nicht ausreichen und die Sicherheitslage es zwingend erfordert, kann der Bundestag eine sogenannte Bedarfswehrpflicht beschließen. Das wäre ein politischer Ausnahmezustand – kein Automatismus.

Würde die junge Generation im Ernstfall kämpfen müssen? Die Antwort ist komplexer als ein einfaches Ja oder Nein. Vier Bedingungen müssten gleichzeitig eintreten: - Eine gravierende sicherheitspolitische Eskalation, etwa ein militärischer Angriff auf NATO‑Territorium, der eine unmittelbare Reaktion des Bündnisses erforderlich machen würde. - Ein ausgeprägter Mangel an freiwilligen Soldatinnen und Soldaten, durch den die Einsatz- und Verteidigungsfähigkeit der Streitkräfte ernsthaft beeinträchtigt wird. - Ein Beschluss des Bundestages, durch den unter definierten Voraussetzungen eine Bedarfs‑Wehrpflicht aktiviert und damit die allgemeine Dienstverpflichtung wieder in Kraft gesetzt wird. - Personen, die als wehrdiensttauglich gelten, für die aber keine Anerkennung einer Kriegsdienstverweigerung vorliegt, also keine Gewissensbefreiung erhalten haben.

Erst dann könnte es zu Einberufungen kommen. Deutschland hat seit 1945 niemanden zwangsweise in eine Krieg geschickt – und die politische Hürde dafür ist enorm hoch. Wer sich nicht freiwillig zum Wehrdienst verpflichtete, für den war der Einsatz in kriegerischen Auseinandersetzungen mit allen persönlichen Risiken weit weg. Was bedeutet das für die Jahrgänge konkret? · Jahrgang 2008 und jünger: verpflichtende Musterung ab 2027, Dienst freiwillig. · Jahrgänge 2006–2007: Fragebogenpflicht, Musterung nur bei Freiwilligkeit oder im Ausnahmefall. · Jahrgänge 2005 und älter: keine automatische Erfassung; Einberufung extrem unwahrscheinlich. · Frauen: keine Pflicht zur Musterung, Dienst freiwillig. Die aktuelle, deutliche gesellschaftliche Debatte bewegt sich zwischen Angst und Verantwortung.

Die Wiedereinführung oder Ausweitung der Wehrpflicht trifft auf eine Generation, die von einer Reihe tiefgreifender Krisen geprägt ist: die Corona‑Pandemie, die Klimakrise, steigende Lebenshaltungskosten und die Erfahrung eines Krieges in Europa. Für viele junge Menschen bedeutet das zusätzliche Verpflichtungen im Militärbereich eine weitere Belastung neben Ausbildungs‑, Berufs‑ und Lebensunsicherheit; Ausbildungsunterbrechungen, psychische Belastungen und wirtschaftlicher Druck spielen dabei eine Rolle. Gleichzeitig wächst aber auch die Einsicht, dass Frieden nicht automatisch bestehen bleibt. Die Sicherheitsarchitektur, insbesondere die NATO, bietet Schutz für Deutschland, verlangt dafür jedoch, dass Mitgliedstaaten ihren Anteil an Sicherheit und Verteidigung leisten.

Vor diesem brisanten Hintergrund lautet die Fragestellung nicht allein: Werden junge Menschen in kriegerische Auseinandersetzungen geschickt? Vielmehr geht es auch um die grundsätzliche Entscheidung: Wie stark sollen wir als Gesellschaft unsere Verteidigungsfähigkeit ausbauen und welche Form von Dienst oder Engagement halten wir für gerecht, effektiv und gesellschaftlich vertretbar? In der öffentlichen Diskussion müssen deshalb unterschiedliche Aspekte abgewogen werden: Verpflichtung versus Freiwilligkeit, Möglichkeiten eines zivilen Ersatzdienstes, die Belastung einzelner Bevölkerungsgruppen, Fragen der sozialen Gerechtigkeit und der Integration, die Effektivität militärischer Ausbildung sowie finanzielle und politische Konsequenzen.

Deutschland plant nicht, junge Menschen in einen Krieg zu schicken. Die Reform dient vor allem der Vorbereitung, nicht der Mobilmachung. Doch die geopolitische Lage zeigt: Sicherheit ist keine Selbstverständlichkeit. Die junge Generation wird nicht automatisch in den Krieg ziehen. Aber sie lebt in einer Zeit, in der diese Frage wieder gestellt werden muss – und das allein ist ein historischer Einschnitt. Die eigentliche Frage: Was ist uns Frieden wert? Ob die neue Generation im Ernstfall in den Krieg ziehen würde, hängt nicht nur von Gesetzen ab, sondern von einer größeren Frage:

Wie verteidigungsbereit ist eine Gesellschaft, die sich an Frieden gewöhnt hat – und wie viel Verantwortung ist sie bereit zu tragen? Die Antwort darauf wird nicht in einem Gesetz stehen. Sie wird sich erst zeigen, wenn Europa wirklich auf die Probe gestellt wird. Die Zeiten, in denen es zu Zeiten des Nazi-Regimes Abiturienten nach dem Schulabschluss kaum erwarten konnten, in den Krieg zu ziehen sind heute sicher vorbei. Und es ist gut, dass die Sinnhaftigkeit kriegerischer Auseinandersetzungen in der jetzigen Gesellschaft eine grundsätzlich andere Wertung erfahren.