Wie die AfD von Ängsten profitiert – ihr Zuwachs ist kein Zufall
Die AfD drang laut WSI „in neue Schichten außerhalb ihrer rechtsradikalen Kernwählerschaft“ vor. Rund 60 Prozent der AfD‑Neuwähler hatten 2021 noch CDU/CSU, SPD oder FDP gewählt. Besonders auffällig: Die FDP verlor überdurchschnittlich viele Wähler an die AfD. Auch Nichtwähler wurden mobilisiert – etwa 15 Prozent der AfD‑Neuwähler hatten zuvor gar nicht gewählt. Demografisch verschob sich das Bild ebenfalls: · kein Männerüberschuss mehr unter den Neuwählern, · deutliche Zugewinne in Westdeutschland, · starke Resonanz bei Menschen zwischen 56 und 65 Jahren. Die AfD wird damit für Gruppen attraktiv, die früher nicht zu ihrem Kern gehörten.
Trotz mancher wirtschaftspolitischer Nähe zu linken Positionen bleibt Migration das zentrale Mobilisierungsthema. Die Studien zeigen: · 95 Prozent der AfD‑Wähler wollen Migration stärker begrenzen. · Rund 70 Prozent unterstützen sogar die extremen „Remigrations“-Forderungen. Parallel dazu existiert eine starke Abwertung von Bürgergeldbeziehenden: Zwei Drittel der AfD‑Wähler stimmen der Aussage zu, diese würden „auf Kosten der Gesellschaft ein bequemes Leben“ führen. Ein Schlüsselbegriff der Studien lautet „relative Deprivation“: das Gefühl, weniger zu bekommen als man verdient, während andere bevorzugt werden. Besonders stark ist dieses Empfinden unter Arbeiterinnen und Arbeitern, die mit 36 Prozent überdurchschnittlich häufig AfD wählen.
Viele dieser Beschäftigten erleben einen „Bruch in der moralischen Ökonomie“: Sie arbeiten hart, fühlen sich aber nicht ausreichend anerkannt und richten ihren Frust gegen politische Entscheidungsträger und vermeintlich privilegierte Gruppen. Die AfD profitiert von einer Verdichtung verschiedener Krisen: · Belastungen und Vertrauensverlust während der Corona‑Pandemie, · Sorgen um den Lebensstandard angesichts steigender Preise infolge des Ukraine‑Krieges, · Transformationsängste durch Digitalisierung und Dekarbonisierung. WSI‑Direktorin Bettina Kohlrausch betont, dass viele Beschäftigte den sozial‑ökologischen Wandel als Bedrohung ihres Status wahrnehmen – und die AfD diese Ängste gezielt adressiert.
Die Studien zeigen, dass AfD‑Wähler die Partei nicht als Risiko sehen, sondern als einzige Kraft, die echten Wandel verspricht. Die zunehmende Radikalisierung wird dabei nicht als Problem wahrgenommen, sondern als Ausdruck von „Klartext“. Besonders dort, wo die AfD bereits hohe Werte erzielt, wächst sie weiter. In solchen Regionen ist die Partei sozial sichtbarer und gesellschaftlich akzeptierter. Diese Normalisierung schafft ein Umfeld, in dem rechte Hegemonie leichter Fuß fasst. Die Studienautorinnen und -autoren kommen zu einem klaren Schluss: Deutschland braucht einen positiven demokratischen Zukunftsentwurf, der soziale Sicherheit stärkt, Transformationsängste ernst nimmt. Nicht moralische Appelle, sondern konkrete politische Antworten entscheiden darüber, ob die AfD weiter wächst.


