Warum hörst Du mir eigentlich nie zu?

Verfasst von: Thomas Burmeister
Kommunikation - manchmal Glückssache
Kommunikation - manchmal Glückssache  Bild: © Fotolia pio3
"Kannst Du mir denn eigentlich nie zuhören" oder "da hast Du mich jetzt aber gründlich missverstanden" bzw. "manchmal habe ich das Gefühl, Du WILLST mich nicht verstehen" - wer hat diese Worte nicht schon einmal gehört oder gar selbst ausgesprochen? Wie ist es eigentlich möglich, dass uns unser Gegenüber so gründlich missversteht - wo wir uns doch so klar ausgedrückt haben?

Wenn wir mit Dritten kommunizieren egal in welcher Form, dann geschieht dies in der Regel dadurch, dass wir eine Botschaft senden wollen. Und genau dieser Wunsch entsteht aus einer aktuellen Situation heraus, welche uns wiederum in einen ganz bestimmten Zustand versetzt hat. Ein kleines Beispiel zur Verdeutlichung: Die Ehefrau stellt am Morgen fest, dass ihr Ehemann - mal wieder - nach dem Rasieren den Waschtisch im Bad nicht vollständig ausgespült hat. Diese zuerst einmal objektive Wahrnehmung führt nun vielleicht zu einer regelrechten Kettenreaktion: "Wie oft habe ich ihm schon gesagt, er soll seine Haare wegspülen? Rede ich denn eigentlich mit einer Wand? Wo steckt der überhaupt wieder?...."

Unsere Empfindungen und Gefühle steuern die Kommunikation

Mit diesem Gefühl "im Bauch" begibt sich die Ehefrau nun auf die Suche nach ihrem Gatten und findet ihn im Schlafzimmer, wo er sich gerade ankleidet. Und schon geht es los: "Wie oft habe ich Dir eigentlich gesagt, Du solltest das Waschbecken ausspülen, wenn Du das Badezimmer verlässt. Ist das denn so schwer, wenigstens ein einziges Mal das zu tun, worum ich Dich bitte? Das kann ja wohl nicht so schwer sein. Aber weißt Du was: Wir werden das jetzt einfach ändern: Ab sofort darfst DU das Badezimmer sauber machen. Dann erkennst Du endlich mal, wie eklig das ist."

Relativ deutlich ist hier zu erkennen: In der Wut über die Situation hat die Gattin nun einmal ihrem ganzen Frust freien Lauf gelassen. Vermutlich weiß ihr Mann gerade überhaupt nicht, wie ihm geschieht. Was hat die Frau hierzu veranlasst? Vielleicht hat sie ihren Ehemann bereits mehrfach auf diesen Umstand hingewiesen. Oder sie hat sich wiederholt darüber geärgert, aber bisher ihren Unmut darüber nicht wirklich deutlich - zumindest nach dem Wertesystem ihres Mannes - geäußert. Das wiederum mag ihren Gatten dazu veranlasst haben, die bisherigen Rügen in diese Richtung nicht wirklich ernst zu nehmen.

Kommunikation ist komplex

Die Fallstricke fehlgeschlagener Kommunikation liegen quasi überall aus! Doch warum ist das so? Wieso ist es nicht möglich, das Menschen einfach miteinander sprechen und sich verstehen? Viele Experten haben sich in der Vergangenheit an Erklärungsmodellen versucht. Doch Kommunikation ist einfach zu komplex, um es in einfache Regeln zu pressen. Wichtig zu wissen: Kommunikation erfolgt immer zwischen mindestens einem Sender und einem oder mehreren Empfängern (eine Person spricht, eine andere hört zu). Dabei wechseln diese Positionen im Laufe z. B. eines Gespräches immer wieder. Wer bisher gesendet hat, empfängt nun und anders herum.

Der Sender ist verantwortlich für die Qualität seiner Botschaft

Klar ist: Wer spricht, legt mit einer eindeutigen und nicht interpretationsfähigen Botschaft die Grundlage für eine Kommunikation frei von Missverständnissen und Eskalationen. Doch ist es damit alleine getan? Nein, denn der Empfänger nimmt auf - und interpretiert. Einen Versuch der Erklärung dieses Phänomens hat Friedemann Schulz von Thun mit seinem 4-Ohren-Modell unternommen. Demzufolge nehmen wir alle eine Botschaft mit 4 verschiedenen "Ohren" wahr: Der Sach-, Beziehungs-, Selbstoffenbarungs- und Appellebene. Welches Ohr nun konkret "genauer" hinhört, hängt wiederum von der Qualität der aktuellen Beziehung und einer Vielzahl weiterer Umstände ab. Der Sender kann hier deeskalierend wirken, indem die Kommunikation eindeutig und mit möglichst wenig Interpretationsspielraum erfolgt.

Killerphrasen, die einen wertvollen Austausch unmöglich machen

Wie oft hören wir Aussagen wie "da hast Du Recht". Nehmen wir diese Aussage einmal genauer unter die Lupe: Da gibt es also eine Person, welche eine objektive und über jeden Zweifel erhabene Instanz darstellt. Und diese Person entscheidet über Recht und Unrecht. Da liegt es nur auf der Hand, das eine solche Aussage nur eskalierend wirken kann. Denn niemand von uns eine objektive Sicht auf bestimmte Umstände. Insofern ist eine Aussage wie "da hast Du Recht" nur angebracht, wenn sich diese z. B. auf unverrückbaren Tatsachen beziehen, wie z. B. "In 10 Tagen hast Du Geburtstag".

Wenn ich also einer Person zustimme, sollte ich statt "da hast Du Recht" lieber "das sehe ich genauso" oder "da stimme ich Dir zu" sagen.  Auch "Entpersonifizierung" einer Aussage gehört zu den Killerphrasen. Darunter verstehen wir das Verlassen der Ich-Botschaft, z. B. durch Aussagen wie "man müsste mal den Rasen mähen". Wer bitte schön ist "man"? Wer konkret soll den Rasen mähen? Ist es eine Feststellung oder eine Bitte an eine andere Person? Erwarte ich womöglich, dass diese andere Person in meiner Aussage erkennt, dass es eine Bitte ist, sie möge doch den Rasen mähen?

Gefährlich: eMail, Kurznachrichten, soziale Medien

Noch größer werden die Gefahren fehlgeschlagener Kommunikation bei elektronischen Medien. Dafür gibt es zwei Hauptgründe: Zum einen liest mein Gegenüber nur, was ich geschrieben habe. Die in einem Gespräch mögliche Anpassung meiner Stimme (lauter, leiser, zugewandt....) sowie die Körpersprache fehlen hier völlig. Smiley können helfen, aber nicht das Gespräch ersetzen. Darüber hinaus zeigt die Erfahrung: Viele Menschen gehen weniger achtsam mit ihrem Gegenüber um, wenn die Kommunikation nur über Bildschirm und Tastatur läuft. Dies führt zu schnellen und ausgeprägten Eskalationen, an denen schon langjährige Freundschaften zerbrochen sind.

Und wie mache ich es nun besser?

Vergegenwärtigen Sie sich, dass wir alle eine subjektive Sicht auf die Dinge des Lebens haben. Und vielleicht stört den Ehemann nicht, wenn nach der Rasur noch ein paar Haare im Waschbecken verbleiben. Vielleicht hätte die Ehefrau mit folgender Aussage mehr und dauerhaften Erfolg: "Als ich vorhin nach Dir ins Badezimmer kam, lagen im Waschbecken noch Barthaare von Deiner Rasur. Darüber habe ich mich geärgert und war auch ziemlich angeekelt. Ich persönlich wünsche mir morgens ein sauberes Waschbecken. Daher möchte ich Dich bitten, ab sofort vor dem Verlassen des Bades noch einmal das Waschbecken auszuspülen." Dieser Ansatz aus der gewaltfreien Kommunikation nach Mashall B. Rosenberg hilft - versprochen!

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Artikelsignatur: Thomas Burmeister | Autoren-Ressort: www.crescetis.reporters.de
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