Schmetterlinge aus der Rüstungsschmiede: Dornier
Als Dornier 1934 sein Zweigwerk in Neuaubing gründete, entstand dort eine wichtige Produktionsstätte für Kampfflugzeuge der Luftwaffe. Die wachsende Belegschaft brauchte Wohnraum, und Berlin sorgte dafür. Wie das NS-Dokumentationszentrum München dokumentiert, genehmigte Görings Luftfahrtministerium für den Bau eine Sonderzuteilung von 100 Tonnen Eisen aus dem Luftwaffen-Kontingent. Ab 1938 errichtete die Bayerische Heimbau nach Plänen von Franz Ruf 406 Wohneinheiten in geschwungenen Straßen, mit acht Haustypen vom Einfamilienhaus bis zum Mietshaus. Offiziell hieß die Siedlung Ludwig-Siebert-Siedlung, benannt nach dem damaligen NS-Ministerpräsidenten Bayerns, im Volksmund bald Dornier-Siedlung. Geplant waren 800 Wohnungen, den Nordabschnitt verhinderte der Krieg. Was entstand, steht heute unter Denkmalschutz als typisches Beispiel nationalsozialistischen Werksiedlungsbaus.
Ein Prädikat, das die heutigen Bewohner vermutlich lieber nicht auf dem Briefkopf hätten. Den Namen Schmetterlingssiedlung verdankt das Quartier keinem historischen Volksmund, sondern der GWG-Gruppe, die ihn im Zuge der Sanierung 2010 bis 2016 in die eigene Vermarktung aufnahm. Der Grund: Nur von oben, aus der Vogelperspektive, hätte die ursprünglich geplante, nie vollständig gebaute Siedlung eine Schmetterlingsform ergeben. Zu Fuß erkennt das kein Mensch, ein cleverer Marketing-Gag eben. Über jedem Hauseingang hängt trotzdem ein echtes Detail: eine Supraportamalerei mit Tiermotiv, größtenteils vom Münchner Künstler Max Lacher gestaltet. Einzelne fehlende Bilder ergänzte später die Künstlerin Judith Egger im gleichen Geist. Diese kleinen Wandbilder geben jedem Haus eine eigene Identität, obwohl alle nach demselben Schema gebaut sind. Absicht des Architekten Franz Ruf, der keine anonyme Arbeitersiedlung wollte.
Frisch saniert präsentiert sich die Siedlung heute, keine 200 Meter vom ehemaligen Zwangsarbeiterlager an der Ehrenbürgstraße entfernt. Wer dort arbeitete, wohnte nicht hier. Die Dornier-Arbeiter hatten schmucke Häuser mit Garten. Die Zwangsarbeiter hatten Baracken mit Stacheldraht und Wachpersonal. Beide Orte existierten nebeneinander, und es ist kaum vorstellbar, dass die eine Seite wirklich nichts von der anderen wusste. Heute sind beide Orte Denkmäler. Der eine wird für 32 Millionen zum Erinnerungsort ausgebaut, der andere ist längst saniert und bewohnt. Die Siedlervereinigung der Dornier-Eigenheimer existiert bis heute, geführte Touren gibt es inzwischen auch. Wer Neuaubing verstehen will, muss durch beide Orte gehen. Sie liegen keine 300 Meter auseinander und sind doch gleichzeitig Welten entfernt.
Die Supraportamalereien halten sich gut. Frisch gestrichen, ordentlich restauriert. Über einem der Eingänge ein spielender Elefant, gleich daneben ein Hausschild mit Hausnummer. Normaler kann ein Haus nicht aussehen. Wer weiß, was 300 Meter weiter passiert ist, schaut anders hin. Wer es nicht weiß, geht einfach rein und findet eine ruhige Wohnsiedlung mit Gärten, geschwungenen Straßen und Hauseingängen, die aussehen, als hätte jemand viel Liebe hineingesteckt. Das stimmt sogar. Nur dass diese Liebe 1938 aus einem Rüstungsministerium kam und die Nachbarn keine Nachbarn waren, sondern Zwangsarbeiter hinter Stacheldraht. Das ist das Ruhige und das Unbehagliche an diesem Ort: Er hat sich so gründlich in ein Wohnviertel verwandelt, dass man die Frage vergessen kann. Man muss es aber nicht.


