Schaezlerpalais Augsburg – Marie Antoinette tanzte hier

Verfasst von: Stefan Siedler
Schaezler-Palais
Schaezler-Palais  Bild: Stefan Siedler
Augsburg [SiSt24] Sie tanzte sich die roten Schuhe durch, und drei Jahrzehnte später fiel ihr Kopf. Die 14-jährige Erzherzogin Maria Antonia von Österreich weihte 1770 den Rokokofestsaal des Schaezlerpalais in Augsburg mit einem Ball ein und ahnte nicht, dass sie damit dem Ende einer Epoche zusah. Das Rokoko, das in diesem Saal seinen wohl letzten großen Abend erlebte, überlebte die Französische Revolution nicht. Der Festsaal schon.

Der Bankier Benedikt Adam Liebert von Liebenhofen ließ das Palais 1764 bis 1770 vom Münchner Hofbaumeister Karl Albert von Lespilliez errichten. Die Einweihung am 28. April 1770 fiel auf den Durchzug der österreichischen Erzherzogin, die wenig später als Marie Antoinette in Frankreich einzog. Sie tanzte, der Rokokofestsaal glänzte, und beide schienen für die Ewigkeit gemacht. Neunzehn Jahre später rollte in Paris die Guillotine. Die Französische Revolution beendete nicht nur das Leben der Königin, sondern auch die Epoche, die sie verkörperte: das Rokoko, seinen Überschwang, seine Feste, seinen Glanz. In Augsburg blieb der Festsaal stehen, 90 Prozent seiner Oberfläche noch original.

(Bild: Siedler Stefan)

Der Rokokofestsaal ist das Herzstück des Palais und einer der seltenen Fälle, in denen ein Raum aus dem 18. Jahrhundert diesen Grad an Originalität bewahrt hat. Das Deckenfresko malte der oberitalienische Künstler Gregorio Guglielmi, der auch im Wiener Schloss Schönbrunn tätig war. Stuckaturen steuerten Franz Xaver Feichtmayr und Simpert Feichtmayr bei, die Schnitzarbeiten schuf Placidus Verhelst. Der 23 Meter lange Saal verbindet damit Arbeiten einiger der besten Handwerker und Künstler seiner Zeit zu einem Ensemble, das heute für Ausstellungen und Konzerte genutzt wird. Die Kunstsammlungen und Museen Augsburg öffnen den Festsaal regulär für Besucher. Wer durch die Tür tritt, betritt denselben Raum, in dem Marie Antoinette tanzte, bevor die Welt, die diesen Raum erschaffen hatte, aufhörte zu existieren.

(Bild: Siedler Stefan)

Das Palais beherbergt heute mehrere Sammlungen unter einem Dach. Die Deutsche Barockgalerie im ersten Obergeschoss zeigt rund hundert Meisterwerke der Malerei aus dem 17. und 18. Jahrhundert, mit Schwerpunkt auf Augsburger Künstlern. Augsburg galt in dieser Epoche als stilbildendes Zentrum der Künste; das Deutsche Rokoko hieß damals schlicht „Augsburger Geschmack". Im zweiten Obergeschoss präsentiert die Karl und Magdalene Haberstock-Stiftung bedeutende europäische Malerei, darunter Werke von Paolo Veronese, Canaletto und Anthonis van Dyck. Über einen Durchgang hinter dem Festsaal gelangt man in die ehemalige Katharinenkirche, in der die Staatsgalerie mit altdeutschen Meistern untergebracht ist. Dort hängt auch Albrecht Dürers Porträt von Jakob Fugger, eine der bekanntesten Darstellungen des mächtigsten Kaufmanns seiner Zeit.

(Bild: Siedler Stefan)

Das Schaezlerpalais liegt direkt am Herkulesbrunnen auf der Maximilianstraße, die seit dem 16. Jahrhundert eine der prächtigsten Handelsstraßen des Reiches war. Die drei Renaissancebrunnen dieser Straße, Augustus-, Merkur- und Herkulesbrunnen, zählen seit 2019 zum UNESCO-Welterbe des Augsburger Wassermanagement-Systems. Der Besuch des Schaezlerpalais schließt damit fast automatisch einen Spaziergang durch eines der bedeutendsten Straßenensembles der deutschen Stadtbaugeschichte ein. Das Palais überstand den Zweiten Weltkrieg weitgehend unbeschädigt, was für ein Stadtgebäude dieser Größe nicht selbstverständlich war. 1958 schenkte der letzte Besitzer Wolfgang Freiherr von Schaezler das Anwesen der Stadt Augsburg, mit der Auflage, es ausschließlich für kulturelle Zwecke zu nutzen. Diese Bedingung gilt bis heute und stellt das Palais damit in eine Reihe mit der Fuggerei: Augsburg verdankt seine kulturellen Herzstücke nicht dem Staat, sondern Einzelpersonen, die vorausgedacht haben. Der Rokokogarten hinter dem Palais steht für alle

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