Herrgottskirche Creglingen - Das Wunder aus der Ackerfurche
Der Überlieferung nach fand ein Bauer am 10. August 1384 beim Pflügen eine unversehrte Hostie. In der Glaubenswelt des Mittelalters galt ein solcher Fund als göttliches Zeichen. Bald kamen Pilger in das abgelegene Tal südlich von Creglingen. Berichte über Gebetserhörungen und Wunder verbreiteten sich. Die Brüder Konrad und Gottfried von Hohenlohe-Brauneck stifteten an der Fundstelle eine Kapelle. Bereits am 21. März 1389 wurden die ersten beiden Altäre geweiht. Die Weihe des Chores und seines Altars folgte 1396. Aus der Kapelle entwickelte sich die heutige Herrgottskirche.
Mehr als ein Jahrhundert nach dem überlieferten Hostienfund entstand das berühmteste Kunstwerk der Kirche. Tilman Riemenschneider schuf den Marienaltar vermutlich zwischen 1505 und 1510. Schriftliche Unterlagen zum Auftrag sind nicht erhalten. Daher lässt sich nicht mehr sicher feststellen, wer das Werk bestellte und bezahlte. Der rund 9,20 Meter hohe und 3,68 Meter breite Altaraufsatz steht nicht im Chorraum, sondern mitten im Kirchenschiff. Sein tragender Aufbau besteht aus Föhrenholz, während die Figuren und feineren Teile aus Lindenholz geschnitzt wurden. Der Verzicht auf eine farbige Fassung lenkt den Blick unmittelbar auf Riemenschneiders Gesichter, Gesten und tief ausgearbeitete Gewandfalten. Erst aus der Nähe werden selbst kleinste Spuren des Schnitzmessers im weichen Holz sichtbar.
Auch die Predella unter dem Mittelschrein verweist auf die Geschichte der Kirche. Links zeigt sie die Anbetung der Weisen. Rechts steht der junge Jesus vor einer Gruppe erwachsener Zuhörer. Die Szene beruht auf einer außerbiblischen Erzählung, nach der Jesus bereits als fünfjähriges Kind öffentlich gesprochen haben soll. Zwischen beiden Darstellungen liegt ein leeres Reliquienfach. Dort befand sich vermutlich die Monstranz mit jener Hostie, auf die die Gründung der Kirche zurückgeführt wird. Die Reliquie ging später verloren. Damit bildet das leere Fach bis heute die sichtbare Verbindung zwischen dem geschnitzten Altar und dem überlieferten Wunder in der Ackerfurche. Damit bleibt der Ursprung der Kirche im Kunstwerk bis in die Gegenwart sichtbar.
In der zweiten Augusthälfte fällt die tief stehende Abendsonne durch die Fensterrosette an der Westseite der Kirche. Das Licht wandert über den Marienaltar und hebt einzelne Figuren, Gesichter und Gewandfalten aus dem dunkleren Schrein hervor. Besonders die aufsteigende Maria scheint sich dabei aus der Gruppe der Apostel zu lösen. Dieses natürliche Schauspiel ist als „Creglinger Lichtwunder“ bekannt und lässt sich jährlich ungefähr vom 15. bis zum 31. August beobachten. Beginn und Wirkung hängen vom Wetter und vom Sonnenstand ab. Während der Beobachtungszeit wird die künstliche Beleuchtung reduziert. Die aktuellen Anfangszeiten sollten Besucher deshalb vor ihrer Anreise bei der Tourist-Information oder der Herrgottskirche erfragen. Bei bedecktem Himmel bleibt das Schauspiel aus.
Die Herrgottskirche steht im Herrgottstal einen guten Kilometer südlich von Creglingen. Ihre Lage abseits des historischen Stadtkerns erinnert bis heute an die Gründungsgeschichte. Das Gotteshaus entstand dort, wo der Bauer der Überlieferung nach die Hostie in seiner Ackerfurche entdeckte. Heute führen die Romantische Straße und der Taubertalradweg an der spätgotischen Kirche vorbei. Viele Besucher kommen wegen Riemenschneiders Marienaltar, entdecken im Inneren aber weitere historische Altäre, Glasfenster, Grabplatten und das Chorgestühl. So verbindet die Herrgottskirche an einem einzigen Ort mittelalterliche Frömmigkeit, Reformationsgeschichte und herausragende Bildschnitzkunst – ausgelöst durch einen Fund, den vor mehr als 600 Jahren ein Pflug ans Licht gebracht haben soll. Auch deshalb lohnt sich der Abstecher weit über den August hinaus.


