Eine Entscheidung, die später zur Waffe wurde

Verfasst von: Sharon Oppenheimer
Haifa, Kingsway ungefähr 1936
Haifa, Kingsway ungefähr 1936  Bild: Sharon Oppenheimer
Im April 1948 ordnete die arabische Führung von Haifa eine geplante, strategische Evakuierung der Stadt an. Dies ist wohl einer der am besten dokumentierten Momente des israelischen Unabhängigkeitskrieges von 1948. Und es ist jedoch zugleich einer der am wenigsten erzählten.

Shabtai Levy, der jüdische Bürgermeister von Haifa, brach in Tränen aus und flehte sie an, nicht zu gehen. Generalmajor Hugh Stockwell, der britische Kommandeur in der Stadt, sagte ihnen offen, dass sie einen schweren Fehler machten und ihn bereuen würden. Der ranghöchste Offizier der Haganah versprach jedem Araber, der blieb, volle Gleichberechtigung und Frieden. Die Antwort des Arabischen Höheren Komitees in Beirut kam schnell: trotzdem evakuieren. Ende April 1948 war Haifa eine Stadt im Krieg. Schon bevor die schweren Kämpfe die meisten Viertel erreichten, hatten zwischen 25.000 und 30.000 arabische Angehörige der Mittel- und Oberschicht die Stadt freiwillig verlassen.

Der Auslöser für den endgültigen Zusammenbruch war die Tatsache, dass die Führung zuerst das Schiff verlassen hatte. Der britische Hochkommissar Sir Alan Cunningham dokumentierte dies in einem Telegramm vom 26. April. Er beschrieb die Flucht arabischer Kommunalbeamter, militärischer Führer und des obersten arabischen Richters als „wahrscheinlich den größten Faktor für die Demoralisierung der arabischen Gemeinschaft Haifas“. Wenn diejenigen verschwinden, die eine Gemeinschaft führen sollen, folgt die Gemeinschaft ihnen zur Tür hinaus. Das bereitete den Boden für den 22. April, an dem im Rathaus ein Treffen zur Diskussion eines Waffenstillstands stattfand.

Die von der jüdischen Führung angebotenen Bedingungen garantierten volle Sicherheit und Bürgerrechte für jeden Araber, der blieb. Bürgermeister Levy flehte die arabischen Delegierten persönlich an und bezeichnete eine Evakuierung als grausames Verbrechen an ihrem eigenen Volk. General Stockwell drängte sie, es sich anders zu überlegen. Die Haganah versprach Frieden für jeden, der blieb. Selbst mitten in einem erschütternden Kampf, als ein Waffenstillstand angeboten wurde, der die Sicherheit der Zivilbevölkerung garantierte, entschied sich die arabische Führung für Evakuierung statt Koexistenz. Selbst mitten in einem erschütternden Kampf, als ein Waffenstillstand angeboten wurde, der die Sicherheit der Zivilbevölkerung garantierte, entschied sich die arabische Führung für Evakuierung statt Koexistenz.

Das Arabische Höhere Komitee in Beirut, geführt vom Großmufti von Jerusalem, Haj Amin al-Husseini, erließ den endgültigen Befehl zum Gehen. Husseini, ein enger Kollaborateur des NS‑Regimes, ein Freund von Heinrich Himmler, der auf dem Balkan an der Rekrutierung und Unterstützung von SS‑Einheiten beteiligt war und mitverantwortlich für dortige Kriegsverbrechen und Gräueltaten wurde, hielt stur an seiner Evakuierungsorder fest und blockierte jede Form von Koexistenz. Auffällig ist, dass die Druzen in Haifa nicht flohen, sondern eindeutig die jüdische Seite unterstützten - ein bewusster Bruch mit der arabischen Führung, die zur Evakuierung aufrief.

Der Begriff „Nakba“ selbst hatte ursprünglich eine andere Bedeutung. Als der syrische Historiker Constantin Zureiq ihn im August 1948 prägte, meinte er damit das Scheitern der arabischen Staaten. Für Zureiq war die „Katastrophe“ die Niederlage von sieben arabischen Armeen, die Israel angriffen und trotzdem scheiterten: ein selbstverschuldeter Zusammenbruch, ein Versagen von Führung, Einheit und Entschlossenheit. Von arabischen Zivilisten war bei ihm keine Rede. Erst später wurde der Begriff vollständig umgedeutet: Aus einer arabischen Selbstkritik wurde ein politisches Narrativ, das Israel zum Täter erklärt und die Verantwortung der arabischen Regierungen ausblendet: jener Regierungen, die 1948 zur Evakuierung aufriefen, die Rückkehr später verweigerten und die Flüchtlinge über Generationen in Lagern hielten.

Die Bezeichnung „Palästinenser“ ist ein Produkt der 1960er Jahre. Der Mann, der 1964 die moderne politische Bedeutung des Begriffs „Palästinenser“ prägte, war Mohammed al‑Husseini - besser bekannt unter seinem späteren Namen Yasir Arafat. Arafat war ein Angehöriger der Husseini‑Familie und damit ein entfernter Verwandter des Großmuftis Amin al‑Husseini. Diese familiäre Verbindung ist historisch belegt und erklärt, warum die ideologische Linie der 1930er und 1940er Jahre in den 1960ern wieder auftauchte. Gemeinsam mit Ägyptens Präsident Gamal Abdel Nasser und unter aktiver Unterstützung des sowjetischen KGB formte Arafat die moderne palästinensisch‑arabische Nationalidentität. Die PLO wurde dabei gezielt als Instrument des Kalten Krieges aufgebaut: politisch, propagandistisch und organisatorisch.

Bis dahin bezeichnete „Palästinenser“ schlicht alle Bewohner des Mandatsgebiets, Juden wie Araber. Die moderne Bedeutung ist also ein Produkt der 1960er Jahre, nicht der Ereignisse von 1948 oder davor. Damit wurde aus einer dokumentierten historischen Entscheidung der arabischen Führung, der Evakuierung Haifas, ein späteres politisches Narrativ. Ein Narrativ, das nicht aus den Ereignissen von 1948 stammt, sondern aus den ideologischen und geopolitischen Konstruktionen der 1960er Jahre. Und genau hier liegt der Kern des Problems: Die Narrative werden wiederholt, tradiert, emotional aufgeladen und selten mit den historischen Quellen konfrontiert.

Diese Absicht, die bewusste Stilllegung einer funktionierenden Stadt, verschwindet heute vollständig hinter der späteren Geschichte. Die ursprünglichen Quellen zeigen jedoch klar: Die Evakuierung war ein strategisches Mittel Das Ergebnis ist ein Narrativ, das nicht aus den Dokumenten von 1948 stammt, sondern aus späteren ideologischen und geopolitischen Konstruktionen, das gezielt aufgebaut wurde, und das bis heute oft unhinterfragt übernommen wird, obwohl seine historischen Grundlagen nachweislich anders aussehen. Wer die Geschichte von Haifa und dem Israelischen Unabhängigkeitskrieg verstehen will, muss deshalb die späteren politischen Konstruktionen von den tatsächlichen Ereignissen trennen. Nur dann wird sichtbar, was wirklich geschah, und was erst Jahrzehnte später als „Erzählung“ darübergelegt wurde.

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