Das Mittelmeer als Mitte: Warum der Süden Europas neu gelesen wird

Verfasst von: Dott. Francesco Pace
Map (Bild: Public domain)
Der Süden Europas wird häufig als wirtschaftlicher und politischer Rand wahrgenommen. Diese Sichtweise greift jedoch zu kurz. Historisch war der mediterrane Raum ein zentraler Verbindungsraum zwischen Europa, Nordafrika und dem Balkan. Handelsrouten, Migrationsbewegungen und kulturelle Kontakte machten das Mittelmeer zu einer Zone intensiver Vernetzung. Besonders der Mezzogiorno entwickelte sich dadurch nicht als Randgebiet, sondern als aktiver Vermittlungsraum zwischen unterschiedlichen politischen, religiösen und kulturellen Systemen.

Diese Rolle entstand aus Geografie und Geschichte zugleich. Küsten, Häfen und kurze Distanzen förderten Mobilität, Austausch und Anpassung. Süditalien und Sizilien lagen an Knotenpunkten zwischen lateinischem Westen, islamischem Süden und orthodoxem Osten. Daraus entwickelten sich Gesellschaften, die Mehrsprachigkeit, religiöse Koexistenz und institutionelle Flexibilität kannten. Herrschaft wechselte, Strukturen blieben anschlussfähig. Wissen zirkulierte über Recht, Medizin und Technik. Der mediterrane Süden lernte früh, Unterschiede zu moderieren statt zu verhärten. Diese Erfahrung prägte politische Kultur und Alltagspraktiken nachhaltig und schuf Kompetenzen, die in Zeiten globaler Verflechtung erneut an Relevanz gewinnen und bieten heute wertvolle Orientierung für europäische Entscheidungsprozesse und regionale Kooperationen zukünftig nachhaltig.

Mit der Industrialisierung und der Verlagerung politischer und wirtschaftlicher Macht nach Nord- und Westeuropa wandelte sich diese Wahrnehmung grundlegend. Nationalstaaten definierten ihre Zentren neu, industrielle Produktivität und Wachstum wurden zum entscheidenden Maßstab. Der Süden verlor dadurch an strategischer Sichtbarkeit. Eigenschaften, die zuvor als kulturelle Stärke galten – langsame Rhythmen, soziale Durchlässigkeit, historische Tiefe –, wurden nun als strukturelle Schwächen interpretiert. Der Mezzogiorno passte nicht in das neue Modell von Effizienz und Standardisierung. Seine Rolle als Vermittlungsraum geriet in den Hintergrund, während die Kategorie der Peripherie zur dominanten Deutung wurde und politische wie ökonomische Entscheidungen langfristig prägte.

Balkan
Panorama
Croatia

Heute rückt der mediterrane Raum erneut in den Fokus europäischer Debatten. Migrationsbewegungen, Energieversorgung und sicherheitspolitische Herausforderungen verlaufen zunehmend entlang der südlichen Achsen Europas. Der Mezzogiorno befindet sich dabei nicht am Rand dieser Prozesse, sondern in ihrem Schnittpunkt. Seine geografische Lage verbindet europäische Binnenräume mit Nordafrika und dem Balkan. Zugleich verfügt der Süden über eine lange historische Erfahrung im Umgang mit Mobilität, kultureller Vielfalt und politischen Übergängen. Diese Kombination macht ihn zu einem Schlüsselraum, um aktuelle europäische Dynamiken realistisch einzuordnen und zukünftige Strategien nicht nur technisch, sondern auch kulturell tragfähig zu gestalten.

Den Süden Europas neu zu betrachten bedeutet nicht, bestehende Probleme zu romantisieren, sondern historische und geopolitische Realitäten anzuerkennen. Der Mezzogiorno ist kein Anachronismus, sondern ein Raum mit spezifischem Wissen im Umgang mit Vielfalt, Übergängen und langfristigen Verflechtungen. Seine Erfahrungen entstanden aus Jahrhunderten des Austauschs, der Anpassung und der Koexistenz unterschiedlicher Kulturen. In einer zunehmend fragmentierten Welt, in der Grenzen neu verhandelt und Identitäten infrage gestellt werden, gewinnt genau diese Kompetenz an Bedeutung. Der mediterrane Süden bietet damit keine einfachen Lösungen, aber wertvolle Orientierung für ein Europa, das Stabilität nicht aus Abgrenzung, sondern aus Beziehung entwickeln muss.