Wildes Schwimmen, wilde Gedanken?

Verfasst von: Marion Wolters
Wildes Schwimmen, "wild swimming" oder "open water swimming" wie es die Engländer nennen bedeutet, in einem naturbelassenen Gewässer seine Bahnen zu ziehen. Welche Geisteshaltung dahinter steckt, welche Auswirkungen es auf die seelische und körperliche Gesundheit des Menschen haben kann, wird im nachfolgenden Artikel untersucht. Inwieweit wildes Schwimmen das eigene Denken zu verändern vermag, lässt sich im Kontext des verbindenden Elementes Wasser erahnen.

Vor einigen Jahrzehnten schwammen die Menschen noch in den benachbarten Seen. Mittlerweile sind aus vielen Baggerseen Freizeitparadiese geworden, die mit Rutschen, Surfanlagen, Imbissen mit Sitzgelegenheiten sowie wahlweise Pommes mit Currywurst oder vegetarischen Gerichten ausgestattet sind. Eine sichere, saubere, durchorganisierte Welt mit regelmäßig geprüfter Wasserqualität, für die man gerne den nahezu jährlich erhöhten Eintritt zahlt. Ähnlich durchorganisiert wie die täglichen, wöchentlichen, monatlichen, jährlichen Routinen der Arbeit, des Haushalts, etc. Was manchen Menschen notwendige und willkommene Stützen des Lebens sind, bedeutet für andere Zeitgenossen Langeweile, vielleicht sogar Überdruss - auch wenn sie generell sehr dankbar sind für das, was sie haben und es niemals ändern würden.

Wildes Schwimmen besticht durch die Unmittelbarkeit des Erlebens, es ist ein einfaches Vergnügen. Keine romantische Verklärung von Dichtern, Naturschwärmern, Künstlern? Keine Mode von saturierten Menschen der Mittel- und Oberschicht, die der Zivilisation für ein paar Stunden entfliehen wollen? Die mit Waldbaden und wildem Schwimmen die Rollen ablegen wollen, die sie zumeist sehr schwer errungen haben? Um die damit verbundenen Hierarchien, Druck und Erwartungen Dritter zu vergessen? Hinzu kommt, dass sie beim Schwimmen ihre Kleidung ablegen, bevor sie ins Wasser gehen. Sind im Wasser somit alle gleich? Wirklichkeit oder Schein(demokratie)? In jedem Fall ist es ein Experiment, das man in natürlichen Gewässern auf allen Kontinenten der Erde machen kann.

Ist wildes Schwimmen eine Art Escape Room im Außenbereich? Ein Abenteuerspiel für digital Überreizte? Permanent ist man Gefahren ausgeliefert, auch wenn man sie vorher erkundet hat. Sich der Gefahr des Auskühlens bewusst ist, sich nicht länger als 15 Minuten im kalten Wasser aufhält. Einen Tauchanzug trägt, wenn der Aufenthalt länger dauern soll. Die Umgebung vorher erforscht, besser kennenlernt, Nahestehende über den Ausflug informiert, die Brutzeit der Vögel, andere Besonderheiten der Natur berücksichtigt. Wie sieht es aus gesundheitlicher Sicht aus? Ein regelmäßiger Sprung ins kalte Wasser soll Depressionen heilen. Das regelmäßige Schwimmen im kalten Wasser wirkt entzündungshemmend und verringert Stresshormone. Es verursacht das "post swim high", d.h. Glücksgefühle nach dem Schwimmen.

Was verändert wildes Schwimmen? Es geht um das Ausbrechen, Regeln brechen, Brechen mit dem Status Quo. Es geht darum, einen Zugang zu einer Welt zu bekommen, die voller Schönheit ist. Es gibt keine Garantie, dass man diesen Zugang als digitaler Mensch erhält, sie somit weiterhin langweilig findet. Eine ursprüngliche Natur ermöglicht vielleicht mit der Zeit einen unverstellten Blick, neue wilde und milde Gedanken für die eigene Lebenswirklichkeit, so die Hoffnung. Es ist die Sehnsucht nach der Einheit mit der Welt, die - wie es beschrieben wird - die Distanz zwischen Individuum und Umgebung aufhebt. Verständnis und Verstehen. Aufnahme und Annahme im Wasser. Eingehen und Eintauchen in ein Mysterium. Magie. https://www.brainguide.de/Marion-Wolters/publikationen