Konrad konstruiert in einer Fabrik erwacht in der Komischen Oper

Verfasst von: Dipl. Päd. u. Theaterpädagogin Selena Plaßmann
Plakat Komische Oper- Spielzeit (Bild: Selena Plaßmann)
Im Mittelpunkt des jährlichen Eröffnungsevents der Komischen Oper steht diesmal die Uraufführung der Kinderoper „Konrad oder Das Kind aus der Konservenbüchse“, basierend auf dem gleichnamigen Kinderbuch der österreichischen Schriftstellerin Christine Nöstlinger. Der australische Komponist Samuel Penderbayne, dem mit seiner ersten Kinderoper „Die Schneekönigin“ (2019) in der deutschen Oper der internationale Durchbruch gelungen war, vertonte die Kinderoper rockig, jazzig und mit hinreißenden Opernarien und Chören.

Die österreichische Autorin Christine Nöstlinger genoss eine freiheitsliebende Erziehung. so dass sie sich als Kind ungezwungen entwickeln konnte. Ihre Mutter war Erzieherin in einem Kindergarten, der Vater Uhrmacher. Nachdem Sie ihr Abitur abgelegt hatte, beschloss sie, Malerin zu werden. Sie studierte an der Akademie für angewandte Gebrauchsgrafik. Nach einer geschiedenen Ehe heiratete sie den Journalisten Ernst Nöstlinger, schrieb Texte für die Tageszeitung „Kurier“, Drehbücher und Bücher, Kolumnen und Glossen. Ihren Lebensabend verbrachte die Autorin pendelnd zwischen ihrem Geburtsort und einem Bauernhof. Ihre Kinderbücher zählen zu den Klassikern der Kinderliteratur und wurden mit dem Hans Christian Andersen-Preis sowie dem Astrid-Lindgren-Gedächtnis-Preis ausgezeichnet. In Wien eröffnete 2020 der „Bildungscampus Christine Nöstlinger.

Weberin Berti Bartolotti-Andreja Schneider (Bild: Selena Plaßmann)

Postzusteller*innen haben heutzutage alle Hände voll zu tun. Dafür bekommen sie nur selten Trinkgeld. Viele Leute erledigen ihre Besorgungen nicht mehr persönlich, sondern bestellen die Waren online. Was ihnen nicht gefällt, wird zurückgeschickt. Nicht so die charmante Berti Bartolotti, die phantasievolle Kleidung näht und die buntesten Teppiche der Stadt zu fairen Preisen webt. Berti genießt es, sich vom Interieur der Geschäfte inspirieren zu lassen, Waren zu bewundern und gelegentlich mit den Verkäufer*innen zu plaudern. Doch auch Berti hat einen neumodischen Tick. Sowie sie in einer Zeitschrift einen Kupon für ein Gratis - oder Sonderangebot findet, schickt sie ihn ab und vergisst mitunter, was sie eigentlich bestellt hat. Als es eines Tages an ihrer Haustür klingelt und ihr der Postzusteller in einem exorbitanten Paket einen siebenjährigen Sohn überantwortet, ist sie überrascht und gleichsam entzückt.

Konrad aus der Konservenbüchse (Bild: Selena Plaßmann)

Im Begleitschreiben steht: „Sehr geehrte Frau Bartolotti, anbei die gewünschte Lieferung. Wir bedauern sehr, dass sich die Sache derart verzögert hat.“ Konrad wurde als braves Musterkind in der Fabrik Himmelblau produziert und war müde. Nachdem Berti ihn fürsorglich zu Bett gebracht hat, setzt sie sich in ihren Schaukelstuhl und betrachtet den Taufschein. Als Vater wird Konrad August Bartolotti benannt. Sie hatten sich lange aus den Augen verloren. Berti vermutet, dass es sich um ein verspätetes Geschenkpaket von August handelt. Doch das war ein Irrtum. „Herr Bartolotti hatte damals nur auf eine Buchsendung gewartet.“ (Christine Nöstlinger) Berti hat Konrad auf den ersten Blick in ihr Herz geschlossen und stellt ihren freiheitsliebenden Lebensstil sofort um. Sie bemüht sich sogar ihre chaotische Haushaltsführung kindgerecht zu gestalten und bei ihrer Vorliebe für sonderbare Speisezusammenstellungen diese vitaminreich zu servieren.

Konrad und Berti (Bild: Selena Plaßmann)

Konrad, der sich sehr auf die Schule freut und aufgrund seines Bildungsniveaus gleich zwei Klassen überspringt, steht dennoch früher als Berti auf. Er bereitet sich selbstständig auf die kommenden schulischen Unterrichtsunterweisungen vor und übt sich im Rechen. Die Lehrer*innen sind begeistert von ihm, führen ihn als Musterschüler vor und tragen ihm Verantwortung auf. Das führte zu Missgunst und Neid bei seinen Mitschüler*innen, die ihn daraufhin ausgrenzen und beleidigen. Ausgenommen ist seine feinsinnige Freundin Kitti, der Konrad sich anvertraut hat. Sie besuchen dieselbe Schule, wohnen im selben Mietshaus und spielen jeden Tag zusammen. Kitti bewahrt das Geheimnis um seine Erschaffung und liebt Konrad so, wie er ist. Als ein eingeschriebener Eilbrief eintrifft, gerät ihre häusliche Idylle ins Wanken.

Kinderbuch
Konrads Schulklasse
Berti mit Hausfreund Herr Egon
Fabrik Himmelblau (Bild: Selena Plaßmann)

Bei einer Inventur der Firma Himmelblau wird festgestellt, dass Berti versehentlich mit einem siebenjährigen Knaben beliefert wurde, der unverzüglich zurückerstatten ist. „Kinder werden nur Leihweise an Eltern abgegeben und bleiben auf Lebenszeit Eigentum der Fabrik.“ Konrad möchte lieber bei seiner Regenbogenfamilie bleiben und zu seinem wahren Selbst finden. Daraufhin entwickeln Kitti und Berti einen raffinierten Plan, um zu verhindern, dass die Fabrik ihr eigenes „Produkt“ wiedererkennt. Selbst Bertis konservativer Hausfreund, der Apotheker Herr Egon, der väterliche Gefühle für Konrad empfindet und keine Veränderung an ihm wünscht, hofft, dass durch eine Transformation Konrads die Fabrik das Interesse an „seinem Sohn“ verliert. Unterstützt von einer perfekten Orchestrierung und den tiefsinnigen Arien von Konrad – gesungen von der Lyrischen Koloratursopranistin Mengqi Zhang - zeigt die dramaturgische Choreografie der Kinderoper auf, wie solch eine Metamorphose gelingen könnte.