Der Astronom als Schmuckeremit im gelungenen Dialog

Verfasst von: Marion Wolters
Astronomen und Schmuckeremiten (der Begriff wird gleich noch erklärt) sind Berufe wie manch andere auch. Eher unauffällig, auch wenn man damit prominent werden kann. Jedoch nicht muss oder möchte. Ist das Nebensächliche, Unauffällige nicht viel interessanter? Dezent und wirkungsvoll wie gelungene Dialoge, die man oft und gerne in Filmen, Zeitungen, auf der Bühne zu sehen und hören bekommt. Doch was macht diese Dialoge aus? Wie wurden sie erfolgreich gestaltet und was haben Astronomen und Schmuckeremiten damit zu tun?

Der englische Hochadel im 18. Jahrhundert leistete sich in seinen Parks Eremiten, die als Angestellte in ihren Eremitagen dort wohnten. Sie waren fest angestellt und hatten sich zu vereinbarten Zeiten für Besucher sehen zu lassen. Eine schrullige Idee? Oder symbolisierten Ziereremiten den emotionalen Zustand des englischen Hochadels, dessen Erfindung sie waren? Eine Mischung aus nicht wirklich in den Zwängen der Gesellschaft leben zu können aber auch nicht als allein auf sich gestellter Einsiedler? Für die Eremiten war dies eine gute Einnahmequelle, die sie gerne nutzten.

Philosophen waren unter ihnen, verschrobene Wissenschaftler auch. Wie wäre es, wenn man einem Astronomen eine Anstellung in einem Wirtschaftsunternehmen als sogenanntem Schmuck- oder Ziereremiten anbieten würde? Ein Abgesang auf die traditionsverhaftete Homogenität des Teams, das mit einer solchen Aktion die Diversität humoristisch ergänzt und zum Wohlbefinden der einzelnen Teamindividuen beiträgt. Denn der Astronom (generisches Maskulinum) der diese wissenschaftliche Chance sieht und ergreift, die er aufgrund gestrichener Fördergelder sonst nicht mehr wahrnehmen könnte, ist auch linguistisch bewandert. Aus Dankbarkeit oder nur ihm bekannten Gründen zeigt er sich daher nicht nur zu den vereinbarten Zeiten, sondern auch ein oder zweimal zusätzlich.

Wenn jemand frustriert ist, weil es auf der Business- und/oder der menschlichen Ebene Probleme gibt, geht er zum Astronomen. Vielleicht schaut das Individuum ihm nur zu oder erzählt dem Astronomen aus seiner Sicht, was passiert ist. Der Astronom hört ihm aufmerksam zu. Beim nächsten Mal, wenn sich der Eremit zeigt, hat das Individuum die Ereignisse schon verdaut. Oder ist interessiert, die Geschehnisse aus der Sicht des Eremiten zu überdenken. Beim übernächsten Treffen möchte er vielleicht den Blickwinkel des Astronomen erfahren und bekommt eine übergeordnete Perspektive. Heilen durch Worte. Indem man die Geschehnisse immer wieder neu anschaut und bespricht.

Dazu gehört es, psychologisch und linguistisch eine Sprache zu sprechen, die so sehr der Sprache des Gegenübers ähnelt, dass er sie nicht nur versteht, sondern sich auch in ihr wiederfindet. Um damit die Voraussetzung geschaffen zu haben, die beiderseitigen Unbekannten und Befremdlichkeiten herauszufinden. In der Reflexion mit sich selbst und im gemeinsamen Gespräch. Vielleicht auf eine Art, die Witz, Spaß und Poesie zulassen kann und die miteinander Sprechenden dabei immer als Person ernst nehmen. Der Schmuckeremit als auffällig unauffälliger Astronom, der sich in seiner zurückgenommenen Art und Lebensweise als unentbehrlich erweist. Soweit der Astronom als Schmuckeremit im gelungenen Dialog.

Zum Schluss noch eine wirtschaftliche Sicht: Der Konstruktivismus ist eine Philosophie des 20. Jahrhunderts. Sehr vereinfacht kann man ihn als interpretierende Sichtweise des Individuums darstellen: Geschäftsleute, die das Unternehmen, in dem der Schmuckeremit wohnt, besuchen: "Eine originelle Möglichkeit, etwas für Gesellschaft und Wissenschaft zu leisten!" Die Konkurrenz erkennt den Schmuckeremiten als kreatives Alleinstellungsmerkmal an: "Wir müssen an unserem Image arbeiten. Es soll prägnanter werden." Neue Mitarbeitende staunen und erzählen ihren Freunden von der Erstbegegnung, machen Werbung für das Unternehmen. Auszubildende: "Cool! So ein Hightech-Teleskop will ich auch haben!" https://www.amazon.de/Seinsqualit%C3%A4t-Marion-Wolters/dp/3755712091?asin=3755712091&revisionId=&format=4&depth=1

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