Plötzlich ohne den Boden unter den Füßen

Verfasst von: Marion Wolters
Wie ist es, wenn sich von jetzt auf gleich alles ändert? Wenn die Paradigmen, die gerade noch gültig waren, plötzlich nicht mehr gelten? Die Verlässlichkeiten zerbrochen sind, weil neue Strukturen ins Leben gerufen wurden? Die Fassbarkeiten unfassbar sind, weil neue Definitionen der Realität diese unberücksichtigt lassen? Wie entzieht man sich akuten Bedrohungen, wenn nicht ahnbare Umstände eintreten oder vermeidet sie doch vorausschauend?

Plötzlich muss man umziehen, das Land verlassen physisch oder psychisch. Ist nicht mehr eingebunden in eine Kommunikation, die Heimat bedeutete. Die Teilhabe an einer vertrauten Welt wird über Nähe geschaffen. Es gilt die Deutungshoheit der Mehrheitskultur zu erforschen, um die Selbstpositionierung im Nahraum so gestalten zu können, dass man sich wohlfühlt. Es mag hilfreich sein, die eigene Sozialisierung zu analysieren, um sich zum Beispiel in eine normative Servicehaltung nahtlos einzufügen, die durch Systemkonformität grundsätzlich geadelt wird. Oder aber durch die dort gängige ironische Distanzproduktion nicht aufzufallen.

Wertet man Vertrauen als Mittel um Emotionalität und Vertrauen zu schaffen, beginnt man mit der Basis für eine Beziehung. Deren Intensität resultiert aus den gemeinschaftlichen kulturprägenden Einsichten. Berücksichtigt man die unterschiedlichen Herkunftsmilieus und kulturellen Dynamiken, ermöglicht man sich selbst sehr schnell ein Verbleiben im Nahraum ohne Indifferenzen nivellieren zu müssen. Die Abarbeitung sachbezogener Themenkreise der Kollektivakteure wird diese zusätzlich beschleunigen. Nutzt man die Mechanismen der Distanzbildung und tariert sie fein aus, vermeidet man zudem den Eindruck der Anbiederung. Auch ist es förderlich, den Unterschied zwischen Mitgefühl und Mitleiden zu kennen und zu respektieren.

Welchen Weltzugang wählt man, um das psychische Überleben dauerhaft zu gewährleisten, so dass dies unabhängig von plötzlich eintretenden Umständen garantiert ist? Wie schafft man dies mit und ohne externe Legitimierung? Welchen Beitrag leistet die Expressionsfähigkeit bei der Verschriftlichung von Themen? Ist sie der Formierung einer normativen Sinngebung der Wirklichkeit dienlich? Die linear in die Existenz gebrachten Statements sind zeitlich gebundene Äußerungen, deren Änderungen ausgeschlossen ist. Anders als die phonischen Varianten, deren vieldimensionale Wirklichkeit man unmittelbar widerrufen oder welche wiederlegt werden kann. Vielleicht dient die Verschriftlichung als Form der Distanzierung, während sie inhaltlich durch die komplexere Rahmung dem erneuten Lesen, Reflektieren und einem tieferen Erkenntnisgewinn die Möglichkeit einer größeren Nähe birgt.

Sind Stabilität und Struktur erst einmal geschaffen, ist die Zeit für Überraschungen nah. Innerhalb des neuen Vertrauens, der Vertrautheit ist man frei für neue Abenteuer des unmittelbaren Ausdrucks. So wird die Idee der Unmittelbarkeit im "Musical Immediacy" der Autorin dieses Artikels permanent und ohne Vermittlung einer äußeren oder inneren Instanz immer wieder neu erlebt. Belebend durch die musikalischen Einlagen wird die performative Tätigkeit der Lesenden angeregt. In der Entwicklung neuer sinnlicher Erfahrungsräume, die so angelegt sind, dass das Individuum den Interpretationsraum jederzeit sprengen kann. https://www.bod.ch/buchshop/musical-immediacy-marion-wolters-9783756895120

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