Ihr sprachlicher Fingerabdruck

Verfasst von: Marion Wolters
Vielleicht gehören Sie zu den mehr als sehr reichen Menschen, die immer in den angesagtesten Clubs und auch sonst überall in der ersten Reihe sitzen können. Es dennoch vorziehen, auf einer Treppe irgendwo im Gebäude zu sitzen. In letzter Zeit erhalten Sie sehr gut geschriebene Texte und höchst individuelle Geschenke, ohne auch nur den Hauch einer Ahnung zu haben, von wem all dies sein könnte. Wie finden Sie es heraus?

In jedem Fall ist es jemand, der - wie Sie - in keine Schublade passt. Jemand, der Ihnen ein angenehmes Gefühl gibt, ohne die dahinterstehende Intention preiszugeben. Sie sitzen auf einem Teppich in einem Ihrer großzügig bemessenen Räume. Alle Geschenke und Texte liegen verstreut um Sie herum. Glücklicherweise sind Sie nicht nur sehr reich, sondern auch Sprachprofiler. Nicht Sprachprofilerin? Nein, Sprachprofiler, generisches Maskulinum. Soweit ein kleiner Ausflug in die Semantik, in die Sprachwelt, durch die Sie die Welt erleben und die Ihnen die Welt erfahrbar macht.

Musiker nehmen die Welt vornehmlich durch Töne, Geräusche, Klänge wahr. Bemerken Sounds, die andere Menschen gar nicht kombinieren und auf diese Weise komponieren würden. Sprachlich orientierte Menschen fokussieren sich naturgemäß auf die Sprache in ihrer Umgebung. Sie agieren analytisch, detailversessen. Hören genau zu, beobachten, wie jemand ein Wort artikuliert. Sie finden z. B. durch die Mundbewegungen während des Sprechens heraus, dass jemand spanischer Muttersprachler ist, obwohl er akzentfrei Deutsch spricht. Es ist schwer, einen Sprachexperten zu täuschen, der sehr viele Kriterien und Berufserfahrung anwendet, um ein Schriftstück eindeutig einer Person zuweisen zu können.

Das Papier der um Sie herum liegenden Texte ist höchst unterschiedlich und fällt somit als Hinweisgeber aus. Unauffällige Computerausdrucke, deren Herkunft nicht zu identifizieren ist. Jetzt schauen Sie sich die Sätze an. Durchgehend kurze Hauptsätze wechseln sich mit komplexen Bandwurmsätzen ab. Psychologisch betrachtet könnte dies auf einen analytisch denkenden Macher hinweisen. Nebenbei schauen Sie sich die Gefühlslage des Absenders an. Was offenbart sie Ihnen? Sie gehen die Texte auf Grammatik- und Rechtschreibfehler durch. Fehlanzeige. Sie schauen sich das Bildungsniveau an und finden viele Wörter, die aus dem Altgriechischen und Lateinischen stammen, finden in den Metaphern weitere Hinweise, die auf eine Person mit klassischer Bildung stammen.

Jetzt sind Sie mitten in der Arbeit. Das Handy klingelt, an der Haustür ist jemand, eigentlich hätten Sie heute etwas ganz anderes vor... Doch all das kann warten. Jetzt, wo Sie den Autor der Texte schon so weit eingezingelt haben. Oder doch nicht? Ein uneinheitlicher Stil paart sich mit sorgfältigen Formulierungen. Will jemand Verwirrung stiften und von sich ablenken? Jemand, der sich gut auskennt, bewusst auf Regionalismen, Jugendsprache (die auf das Alter des Absenders hinweist) und englische Fremdwörter verzichtet oder ist dies einfach nicht der Stil des Absenders? Welchen sprachlichen Fingerabdruck haben Sie für Ihren Absender bis hierhin definiert?

Gibt es einen sprachlichen Fingerabdruck überhaupt? Ist es nicht eher so, dass Sprache etwas Fluides ist, sich dem Umfeld anpasst und von diesem auch geprägt wird? Dass u.a. wechselnde Interessen und Lebensnotwendigkeiten mit dazu beitragen, einen sprachlichen Fingerabdruck zu verhindern? Dennoch bildet sich bei jedem Menschen im Laufe der ersten Lebensjahre so etwas wie eine grundlegende sprachliche Identität heraus, wenngleich der Begriff "Fingerabdruck" nicht zutrifft. Sprachliche Charakteristika, die nicht nur Ihnen Nahestehenden sofort auffallen. Sie haben Ihren Absender und dessen Intention schon mit Erstaunen identifiziert. Wenn Sie sich für Sprache interessieren und herausfinden möchten, wie man die Begrenztheit von Konnotationen überwinden kann, lesen Sie "Bleuciel de Sagesse" https://www.bod.de/buchshop/bleuciel-de-sagesse-marion-wolters-9783752649000

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