Afghanistan: Die kurze Chance auf Frieden!

Verfasst von: Martin Podlasly
AH-64 Apache in Daykundi
AH-64 Apache in Daykundi  Bild: By Petty Officer 2nd Class Jacob Dillon,[Public domain], via Wikimedia Commons CCby 2.0 Attribution 2.0 Generic
Das erste Mail seit Jahrzenten gibt es in Afghanistan eine reale Chance für den lang ersehnten Frieden. Zwar gehören Gewalt, Terror und Tod immer noch zum täglichen Lebensablauf, doch scheinen nun alle Verantwortlichen und auch die Nachbarstaaten ein großes gemeinsames Interesse daran zu haben, das Land zu stabilisieren.

Bis zum Ende des Ramadan, im Juni dieses Jahres, konnte man in Afghanistan nahezu Unvorstellbares beobachten. Ein fast stabiler Waffenstillstand führte dazu, dass im ganzen Land Szenarien und spontane Gesten des Friedens Einzug hielten. In vielen Städten und Orten konnte man Kämpfer der Taliban sehen, die sich ohne Aggressionen mit Soldaten der afghanischen Armee verbrüderten, sogar Smartphoneselfies mit diesen machten oder auf öffentlichen Plätzen ein Eis aßen. Für einen kurzen Zeitraum schien sich ein Verständnis zu etablieren, welches für die afghanische Regierung, das Volk und auch die Taliban eine Form von Frieden, egal in welcher Ausrichtung, annehmbar hätte machen können. In der Folge entstand ein geopolitisches Zeitfenster.

Die großen Erwartungen während dieser kleinen Atempause in einem generationsübergreifenden Konflikt haben aufgezeigt, dass ein stabiler Friede nicht im Bereich des Unmöglichen liegt. Erst durch die nachfolgenden, neuerlichen Bombardements seitens der Vereinigten Staaten und NATO-Kräften, zerschlugen sich weitere Waffenstillstandsoptionen, da die Taliban durch anhaltenden Bombenhagel mit Sicherheit nicht an den Verhandlungstisch zu drängen sind. Was folgte, war ein Wiederaufflammen der Gewalt und neue Übergriffe durch die fanatischen Kämpfer, welche zum Monatsanfang sogar einen äußerst beeindruckenden Angriff auf die Viertelmillionenstadt Ghazni, nur rund 140 Kilometer südwestlich von Kabul gelegen, ausführten.

Ohne große eigene Verluste gelang es den Taliban die Provinzhauptstadt kurzerhand einzunehmen und zu halten, bevor Regierungstruppen mit Hilfe von US-Luftschlägen, die Stadt wieder unter Kontrolle bringen konnten. Wiederum waren viele zivile Opfer zu beklagen. So wird auch das Jahr 2018 in der Statistik der seit dem Beginn des Konfliktes im Jahr 2001 aufgeführten zivilen Todesopfer einen traurigen neuen Rekord verzeichnen. Trotz der enormen Anstrengungen sowie Hilfsgeldern in Höhe von Hunderten Milliarden Dollar, durch die Vereinigten Staaten und der westlichen Verbündeten, ist das Ziel einer langfristigen Stabilisierung im afghanischen Sand aus weitverbreiteter Korruption, schlechter Truppenmoral, aber auch anhaltender Intervention durch weitere externe Länderinteressen, versunken.

Kriegsmüdigkeit

Immer sind Schlüsselfaktoren erkennbar, die ein Ende des bewaffneten Kampfes oder zumindest einen dauerhaften Waffenstillstand möglich machen könnten. 35 Millionen Menschen, die zu großen Teilen nichts anderes kennen als Krieg, sind genau diesen bis über alle Massen hinaus Leid. Die junge Generation drückt diese Unzufriedenheit erstmals mit dauerhaften Protestaktionen aus, wie beispielsweise dem im Juni dieses Jahres durchgeführten „Friedensmarsch“ von der Provinz Helmand in die Hauptstadt Kabul. Hierbei forderten die Teilnehmer ein sofortiges Ende des Krieges und wiesen daraufhin, dass dieser nur Bestand habe, da die wichtigsten Finanziers der Taliban, die Staaten Pakistan, Iran und Russland weiterhin an der Fortsetzung eigene Interessen hätten.

Ein weiterer Punkt ist, dass die afghanischen Spezialkräfte mittlerweile sehr gut ausgebildet sind und effektiv funktionieren, was allein darin auszumachen ist, dass die Taliban eroberte Ortschaften oder strategisch wichtige Ziele nie lange halten können. Ein großer Teil der Talibankommandeure und Kämpfer ist ebenfalls kriegsmüde. Es mehren sich zunehmende Anzeichen von Illoyalität gegenüber dem Anführer und viele Kommandeure sind bereit einem Waffenstillstand zuzustimmen, wenn die bisherige Struktur Afghanistan weitestgehend beibehalten wird. Verhandlungen stehen offen im Raum und vielleicht haben die USA gerade deshalb mit dem Diplomaten Zalmay Khalilzad einen erfahrenen Kenner der afghanischen Verhältnisse als Sonderberater in das zerrüttete Land entsandt, der auch ohne Beisein der Regierungsvertreter erste Sondierungsgespräche führen soll.

Der wichtigste Aspekt ist jedoch das unerwartete geopolitische Zeitfenster im Hinblick auf das große außenpolitische Spiel aller beteiligten Kräfte, die schon seit etlichen Jahrzehnten in die Belange Afghanistans eingegriffen haben. Es ist überraschend günstig und die vielleicht einmalige Chance, dass die Interessen dieser Länder momentan scheinbar übereinstimmen und die Stabilisierung Afghanistans plötzlich nicht nur im Augenmerk der Vereinigten Staaten und Europas, sondern auch bei Ländern wie der Türkei, Indien, China, Pakistan, Iran, den Golfstaaten sowie Russlands eine wesentliche Rolle spielt. Die Dezentralisierung Afghanistans und eine gesteigerte Diplomatie könnten positive Effekte bewirken.

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