Tabus brechen

Verfasst von: Adina K. Haubner, BA
Anja Salomonowitz
Anja Salomonowitz  Bild: (c) Jörg Burger
Ungewöhnliche Arbeiten von einer ungewöhnlichen Künstlerin. Mit einzigartigem Feingefühl erzählt Anja Salomonowitz bewegende und erschütternde Geschichten, die das reale Leben schreibt und porträtiert menschliche Schicksale. Schicksale die man nicht totschweigen sollte, denn sie passieren nicht immer nur den anderen. In manchen Fällen sollten Tabus also gebrochen werden.

Die österreichische Film- und Theaterregisseurin und Drehbuchautorin Anja Salomonowitz wurde am 12. November 1976 in Wien geboren. Sie studierte Film- und Theaterwissenschaft an der Universität Wien, sowie an der Filmakademie Wien, wo sie sich auf Regie und Schnitt spezialisierte. Darüber hinaus besuchte sie auch die Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg. Ihre Arbeiten sind vornehmlich im Bereich der politischen Dokumentarfilme zu verorten. Nach eigener Aussage in einem Presseinterview, ist Politisches einfach ihre Sache. Doch es finden sich durchaus auch andere Werke in ihrer Vita, die weniger mit Politik, sondern mit Gesellschaft und vor allem mit Tabus zu tun haben.

Anja Salomonowitz’ Arbeiten finden internationale Anerkennung. Ihr Film "Das wirst du nie verstehen" erhielt den "Prix Regards Neufs" beim renommierten Dokumentarfilmfestival "Visions du Réel" in Nyon und wurde auf vielen Filmfestivals weltweit vorgeführt. "Kurz davor ist es passiert" wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Unter anderem mit dem Wiener Filmpreis der Viennale und dem Caligari Preis des Internationalen Forum des Jungen Films der Berlinale 2007. Kennzeichnend ist ihre geschmackvolle und doch vollkommen offene Art und Weise, ein Thema zu behandeln und aufzubereiten, welches weit über das Alltägliche hinaus geht. Ein Thema das tabuisiert ist.

So etwa bei Salomonowitz’ 23-minütigem Kurzfilm „Carmen“, welcher eine reale Person und ihre ungewöhnlichen, sexuellen Vorlieben porträtiert. Salomonowitz vollbringt es einen Zugang zu dieser Person zu finden, der sie für den Zuschauer greifbar und ihre Beweggründe nachvollziehbar, für manche vielleicht sogar verständlich, macht. Denn man kommt nicht umhin den Mut und die Offenheit, sowohl der Frau, welche ihre Geschichte erzählte, aber auch jener die sie so gekonnt mit der Kamera einfängt, zu bewundern. Der sprichwörtliche rote Faden, welcher sich durch Anja Salomonowitz’ Werke zieht, ist auch gleichzeitig jener Bestandteil der ihre Werke unverkennbar macht. Schauderhafte, oft grauenvolle Facetten der menschlichen Natur.

Menschliche Schicksale werden in behutsamer und professioneller Manier, neu aufgerollt und offen diskutiert. Ungeachtet dessen wie schmerzhaft oder peinlich dies womöglich sein mag. Sei das Thema die Judenverfolgung und die Spuren, sowie seelischen Wunden, welche dieses dunkle Kapitel des Hasses und der Vorurteile bei Betroffenen hinterlassen hat. Sei das Thema der Alltag eines Pornofilme-Vorführers, welcher sich bei seiner Arbeit in romantischen Fantasien mit der Hauptdarstellerin verliert, während der restliche Kinosaal zu Hard-Core-Pornographie masturbiert. Sei das Thema eine junge Frau die Objektophilie hat und eine körperliche Liebesbeziehung mit einem Kinosaal führt und dennoch ohne Scheu zu ihren Vorlieben steht, weil sie es nicht nötig hat ihr wahres Selbst zu verleugnen.

Oder sei das Thema Frauen und ihr Schicksal nachdem sie verkauft wurden und ums finanzielle und körperliche Überleben kämpfen. All das sind wahrlich weniger gesellschaftsfähige Gesprächsthemen, als die mögliche Richtigkeit der Wettervorhersage für die kommenden Tage. Aber genau deshalb darf es nicht vermieden werden sie anzusprechen. Denn sie sind Realität, sie passieren, sie passieren immer wieder und sie passieren nicht nur den anderen. Es geht darum Dinge bewusst zu machen, die man oft nicht sehen oder wahr haben will. Die deswegen aber nicht weniger real sind.

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