Herman Melville und seine Liebe zur See

Verfasst von: Adina K. Haubner, BA
Melvilles Liebe zur See
Melvilles Liebe zur See  Bild: pixabay.com
Im Jahr 1819 wurde Melville in eine sehr interessante Zeit hineingeboren. Man bedenke die provokativen Behauptungen des schottischen Kritikers Sydney Smith, bezüglich der künstlerischen Kapazitäten der Amerikaner, welche 1820 im Edinburgh Review erschien. „Wer, in allen vier Ecken und Enden der Welt, liest ein amerikanisches Buch? Oder geht in ein amerikanisches Stück? Oder betrachtet ein amerikanisches Gemälde oder Bildnis?"

Man könnte fast meinen, es war eine Herausforderung seiner Zeit an ihn. Es verlangte die Menschheit nach einem amerikanischen Meisterwerk dieser Größenordnung. Während die meisten dem Irrtum erliegen, dass Melville sein ganzes Leben lang als Romanautor tätig war, hat er im Gegenteil nur zwölf Jahre seines Lebens dem Verfassen von Texten gewidmet. Melville selbst erwähnte einmal in einem Brief, welchen er an seinen Freund Nathaniel Hawthorne schrieb, dass er bis zu seinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr seelisch über die Maße unentwickelt war. Und erst im Zuge dieser Entwicklung konnte sein kreatives, schriftstellerisches Schaffen beginnen.

Sein schriftstellerisches Debüt war vielversprechend, als er von seiner Reise über den Pazifik auf Walfängern und Kriegsschiffen nach New York zurückkehrte und seine Erfahrungen niederschrieb. Natürlich wurden diese von ihm ausgeschmückt und aufgebessert, doch sein erstes Werk „Taipi“, erschienen im Jahre 1846, stieß beim Publikum auf beachtlichen Erfolg. Doch was Melville mit „Taipi“ erreicht hatte, sollte er mit seinen darauffolgenden Werken wieder verlieren. Die Leser verliebten sich in die idyllische Szenerie, welche er für sie zum Leben erweckte, über exotische Eingeborenenmädchen, die einen amerikanischen Mann in „sanfter Gefangenschaft“ hielten und ihn, einem Gott gleich, verehrten.

Das Motiv des jungen Mannes, welcher Richtung See aufbricht, wo fremde Welten ihm unvorstellbare Abenteuer und Gefahren verheißen, sollte Melville sein Leben lang nicht mehr loslassen. Seine Liebe zur See sollte ewig währen. Und in den Sommermonaten des Jahres 1850 begann er sein epochales Werk zu Papier zu bringen. Ironischerweise, könnte man meinen, geschah dies während einer Phase in Melvilles Leben die von Sorgen und Geldschwierigkeiten stark geprägt war. Gerade als er dabei war, als Schriftsteller aus dem Gedächtnis seiner Mitmenschen zu verschwinden, holte er zu jenem Siegesschlag aus, der ihn für immer unvergesslich machen sollte.

Wie Melville selbst es formuliert hat, so sollte sein Werk auch von den Lesern verstanden werden; als Entwurf zu einem Entwurf. „Denn mögen auch kleinere Gebäude von ihren ursprünglichen Architekten vollendet werden – die großen und erhabenen, die wahren Bauwerke überlassen den Schlußstein stets der Nachwelt.“ Man könnte demnach meinen, Melville hat schon zu Lebzeiten, den Generationen die nach ihm kommen würden, die Erlaubnis erteilt sein Werk zu modellieren. Es mit dem ihm fehlenden Schlussstein zu versehen, den er selbst nicht, und kein anderer wahrhaft großer Autor, in der Lage ist, für sein Werk zu vollziehen. Die nötige Perspektive des Außenstehenden ist es was fehlt.

Manche würden meinen die Lektüre des Werkes ist zu anspruchsvoll. Im Sinne dessen, den Roman „lesenswerter“ und, im Grunde genommen, erst zu einem wirklichen Roman zu machen, wurden immer wieder aufs Neue diverse Eingriffe in Melvilles Werk vorgenommen. Die vermeintliche „Besser Lesbarmachung“ des Werkes war aber nicht der einzige Grund für die Streichung so vieler Teile von Moby Dick. Melville war dem damaligen Zeitgeist um einiges voraus. Er brach mit althergebrachten Traditionen, ließ seine eigenen politischen Ansichten in die Erzählung mit einfließen. Melville glaubte an die Überlegenheit amerikanischer, demokratischer Institutionen.

In all seinen Werken äußerte er Vorbehalte gegen Expansionismus, Imperialismus und jede Art von Missionierung. So entspricht sein Roman auch nicht einer Heldenmär über einen amerikanischen Eroberer unterwegs auf den Weltmeeren. Die Schilderung von Ahabs Kampf und seinem Scheitern, ist als Gleichnis des Scheiterns eines jeden verträumten Ideals an der harten, kalten Realität zu verstehen. Ein Gleichnis, welches dem damaligen Zeitgeist klar entgegenstand. Darüber hinaus führte Melville offene, eindeutige Attacken gegen die Weisheiten und Regeln des Christentums, welche an diversesten Stellen seines Werkes zum Vorschein kommen. Ein Affront der keines Falles geduldet werden konnte und Zensur verlangte.

Aus heutiger Sicht ist diese religiös motivierte Zensur sogar nachvollziehbar, wenn man sich einmal genauer mit den Figuren und diversen Andeutungen, welche im Roman vorkommen auseinandersetzt. So könnte Ismael, der Erzähler, als der verstoßene Sohn von Abraham und Hagar verstanden werden und der Name Ahabs als Anspielung auf den alttestamentarischen König der Israeliten oder auch auf den falschen Propheten den Jeremias erwähnt und der durch das Festnageln der Golddublone am Mast ein Götzenbild errichtet. Der Akt, dass Ahab dem Wal Rache schwört, stellt eine Versinnbildlichung des Kampfes zwischen Mensch und Natur dar. Die Natur jedoch ist gleichzusetzen mit Gott und somit übt Ahab Rache an Gott selbst.

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