Die Gretchenfrage des 21. Jahrhunderts

Verfasst von: Adina K. Haubner, BA
Leben und Arbeit in Harmonie
Leben und Arbeit in Harmonie  Bild: pixabay.com
„Wie bekomme ich Leben und Job unter einen Hut?“ ist eine der großen Vexierfragen der heutigen Arbeitswelt; bloß noch übertroffen von der Frage nach dem persönlichen Traumberuf und der praktischen Umsetzung dieses Ziels. „Work-Life-Balance“ und „Work-Life-Effectiveness“ sind heute in aller Munde, doch können diese „Organisational Tools“ wirklich halten was sie versprechen?

Der Durchschnittsarbeitnehmer verbringt im Laufe einer Vollzeit-Arbeitswoche etwa zweiundvierzig Stunden im Büro, die auf fünf Arbeitstage verteilt sind. In diesen fünf Arbeitstagen bleiben somit achtundsiebzig Stunden übrig, deren Einteilung dem persönlichen Gutdünken überlassen ist und die er sich nicht im Büro befindet. Variierend von Fall zu Fall sind von dieser privaten Zeit im Schnitt sechs Stunden pro Nacht an Schlaf abzuziehen. Zu bedenken ist weiters, dass ein durchschnittlicher Arbeitsweg von jeweils dreißig Minuten hin und retour, also somit eine Stunde pro Arbeitstag, wegfällt und man auch für administrative Tätigkeiten wie einkaufen, kochen, putzen, Amtswege und dergleichen ein gewisses Kontingent der persönlichen Freizeit aufwenden muss.

Natürlich ist auch die persönliche Lebensführung eine wichtige Komponente bei dieser Aufstellung. Eine Person mit einem oder mehreren Kindern, einem Haustier oder anderen sozialen Pflichten, kann ihre Freizeit nicht so großzügig nutzen wie ein Single oder ein Paar ohne Kinder und Haustiere. Dennoch wird auch anhand dieses, doch recht groben, Beispiels deutlich, dass man den Löwenanteil seiner Zeit nicht in der Arbeit verbringt. Auch wenn es unter der Woche immer stressig ist und der wohlverdiente Feierabend, wo man endlich die Füße hochlegen und die Seele baumeln lassen kann, erst so spät am Abend einkehrt, dass man eigentlich schon wieder ins Bett gehen müsste.

In dieser Rechnung darf man aber nicht vergessen, dass es auch noch das Wochenende gibt. Es kommen also auf vierzig Stunden tatsächliche Arbeit pro Woche, hundertachtundzwanzig Stunden die man sich selbst einteilen kann. Wie kommt es also, dass heutzutage fast jeder das Gefühl hat, nur zu arbeiten und keine Freizeit zu haben? Wie kommt es, dass diese Verhältnismäßigkeiten so vollkommen anders wahrgenommen werden, als sie tatsächlich sind? Wen hört man schon je darüber klagen, dass er zu viel Freizeit hat, verglichen mit seinem Arbeitspensum? Fühlt sich heute noch irgendjemand so erholt, dass er gar nicht weiß, was er noch alles tun könnte, um endlich so richtig ausgelastet zu sein?

Doch wie erklärt sich das und kann daran mit Hilfe der gängigen Organisational-Tools überhaupt etwas geändert werden, wenn Unzufriedenheit heute so tief sitzt, dass sie sogar krankmacht? Organisation und die richtige Menge ist alles. So lässt es zumindest das Konzept von „Work-Life-Balance“ verlautbaren. Hierbei geht es weniger darum, was man tut, sondern wie man es tut. Nämlich in einer ausgewogenen Balance zwischen Pflichten und Spaß. „Work-Life-Balance“ sagt uns nicht, dass wir Dinge streichen und nur das Wichtigste tun sollen, denn meistens wird das nicht möglich sein. Wenn man seine To-do-Liste nicht kürzen kann, weil alles darauf gemacht werden muss, ist es aber umso wichtiger Prioritäten zu setzten.

Diese Prioritäten müssen in beiden Bereichen gesetzt werden. Sowohl im Privaten, wie auch im Bereich der Arbeit, müssen die Bestandteile herausgefiltert werden, die Vorrang haben. Dies kann man auch in Form eines Rankings für sich selbst festhalten und wenn die Prioritäten erst einmal geklärt sind, geht es nur noch um die gleichmäßige Verteilung. Dem entgegen steht das Konzept der „Work-Life-Effectiveness“, welche Beruf und Privatleben als untrennbar mit einander verbunden betrachtet, da beide ein essentieller Bestandteil unseres Lebens sind. Prioritäten setzen, Listen schreiben und ein durchdachtes Selbstmanagement an den Tag zu legen, können in den meisten Fällen nicht schaden.

Was es jedoch zu vermeiden gilt, ist der Glaube, mit diesen Listen das Problem gelöst zu haben. Denn auch eine Liste ist nichts anderes als ein gutgemeinter Plan, den man sich vornehmen kann in die Tat umzusetzen. Doch – wer kennt das nicht – oft funktionieren Pläne nicht so wie gedacht und das zwanghafte Festhalten an nicht umsetzbaren Plänen, kreiert nur weiteren Stress und neue Verdrossenheit. Die Fähigkeit der Anpassung an Umstände die wir nicht kontrollieren können, war es schon immer, was das Überleben der Menschen gesichert hat. Listen spielten dabei keine ausschlaggebende Rolle. Auch fällt es, wenn man genauer darüber nachdenkt, sehr schwer Beruf und Privatleben zu trennen.

Im Grunde bedingen die beiden einander. Schon alleine deswegen, weil der, der arbeitete mit dem Geld was er für diese Arbeit bekommt, die nötigen Gegebenheiten schafft, um sein Privatleben zu finanzieren. Aber auch hier ist Vorsicht geboten. Wer Arbeit stets nur als Mittel zum Zweck betrachtet, um in der restlichen Zeit Angenehmeres tun zu können, der legt den Grundstein für die oben angesprochene Differenz in der Wahrnehmung zwischen Arbeitszeit und privater Zeit. Bekanntlich fliegt die Zeit dahin, wenn es schön ist und wenn man will, dass sie schnell vergeht, kommen einem Stunden wie Tage vor.

Wenn man seine Arbeit hingegen nicht als Mühsal betrachtet, sondern als etwas, dass einem Freude bereitet, ist es plötzlich auch viel einfacher Beruf und Privatleben zu verknüpfen. Es entsteht eine Symbiose, die für alle Beteiligten um einiges erfolgsversprechender ist, als die strikte, nie zur Gänze umsetzbare, Trennung von Arbeit und Privatem. Solche Menschen werden immer zufriedener und ausgeglichener sein und demnach auch ein viel harmonischeres Sozialleben haben als jene, die ständig unzufrieden sind. Überspitzt ausgedrückt, könnte man meinen „Work-Life-Effectiveness“ rät einem dazu, einfach nur seinen Traumberuf auszuüben und alles ist gut. Doch was tun, wenn das nicht geht?

Vor allem weil es hierbei auch um die Umsetzbarkeit geht. Welche Ausbildungen wären zu absolvieren, wie hoch ist die Bezahlung und wie sieht es mit den Berufsaussichten in dieser Branche aus? Geht man einmal davon aus, dass man weiß, was sein persönlicher Traumjob ist und auch eine Ausbildung in diese Richtung verfolgt, kommen dennoch eine Unmenge von Variablen hinzu, die man wieder nicht beeinflussen kann und die in letzter Konsequenz darüber entscheiden, ob man diesen Traumjob auch ausüben kann oder nicht. Das wirkliche Problem beginnt jedoch lange davor, mit der Tatsache, dass viele Menschen gar nicht genau wissen, wo ihre Stärken und Talente liegen.

Vor allem bei der Frage, wie man diese Stärken und Talente im Berufsleben einsetzen könnte, sind Potenzialerkennungs- und Eignungstests sowie Berufsberatende Instanzen eine wertvolle Hilfe. Denn nur wer weiß, was sein Ziel ist, kann sein Ziel auch erreichen. Ein weiteres Problem liegt bei der gängigen Interpretation des Terminus „Traumjob“. Muss ein Job, damit man mit ihm zufrieden ist und damit man für sich selbst einen Mehrwert daraus gewinnen kann, der positiv zum eigenen Leben beiträgt, auch wirklich der persönliche Traumjob sein? Muss man sein Hobby zum Beruf machen, um in der Arbeitswelt glücklich sein zu können?

Die Antwort muss lauten nein. Ein Job kann genauso glücklich machen, wenn er nichts mit den persönlichen Träumen zu tun hat. Hobbys können auch nur in der Freizeit verfolgt werden und wenn man mit dem Beruf, den man ausübt, im Grunde zufrieden ist, wird man nie das Gefühl haben, dass Hobbys und Privates zu kurz kommen, weil einem beides wichtig ist und beides Spaß macht. Oft kommt man um einen Jobwechsel nicht herum und oft muss man etwas länger suchen, bis man einen passenden Arbeitsplatz gefunden hat, wo man sich wohlfühlt. Funktionieren kann das allerdings nur, wenn man überhaupt weiß, wonach man suchen muss. Davor helfen auch Organisational Tools nichts.

TOP-Autoren auf Reporters.de

Feeds RSS Feeds